‘Die Gipfeltouren’ Category

  1. Februar 9, 2014 by oliver

    Bonusgipfel #1: Großer Arber

    “Weißt Du was schlau gewesen wäre”, sage ich frühmorgens auf der Fahrt in den Bayrischen Wald zu Thomas, “eine Speicherkarte einzulegen“. Nun ist es zu spät, wir befinden uns irgendwo zwischen Hannover und Göttingen. Zum Einkaufen an einem der Umsteigebahnhöfe fehlt uns die Zeit.

    Aber wir machen unsere Touren ja auch nicht in erster Linie, um uns im Internet als tolle Hechte zu präsentieren, sondern weil wir Erinnerungen mit nach Hause bringen wollen. Die mit Hilfe von Handykameras erstellten Bilder haben lediglich Dokumentationscharakter. Sie müssen zur vorliegenden Bebilderung unserer ersten Wintertour ausreichen – die relativ schlechte Qualität  sorgt aber für einen besonders authentischen Eindruck.

    So früh wie heute jedenfalls, mussten wir lange nicht mehr aufstehen! Es galt um jeden Preis den Zug um 06:01 nach Würzburg zu erwischen. Die Rucksäcke sind beladen mit den üblichen Utensilien, ergänzt wird die Ausrüstung noch durch Schneeschuhe und ein kleines Zelt. Für unser Ziel, den Gipfel des Großen Arbers, der mit 1456m der höchste Berg des Bayrischen Waldes ist, wurden immerhin bis zu 80cm Schnee, bei um die -15 Grad Ortstemperatur prognostiziert.

    Klingt unangenehm, aber wir sehen gerade in diesen Umständen die Herausforderung. Schönwettertouren hatten wir 2012 genug. Nun gilt es, Durchhaltevermögen und Leidensfähigkeit unter Beweis zu stellen!

    Unser ganzes Geschwafel über Reinhold Messner und andere echte Abenteurer wird auf Dauer  auch unglaubwürdig, wenn wir nicht wenigstens eine ansatzweise vergleichbare Erfahrung vorweisen können.

    Schlafend verbringend wir einen Großteil der insgesamt siebenstündigen Fahrt. Nachdem wir in Würzburg umstiegen, durchqueren wir lauter uns noch unbekannte bayrische Orte. Ich spreche hier nicht von Nürnberg, da waren wir erstens schon, und zweitens liegt die Stadt bekanntlich in Franken!

    Der Blick aus dem Fenster ist auf jeden Fall malerisch, genauer gesagt liegt die Stimmung zwischen Dürer und Casper David Friedrich: Kleine Orte, die sich beinahe alle durch eine kleine Kapelle im Ortsmittelpunkt auszeichnen, wechseln sich ab mit winterlicher blitzender Schneelandschaft. Die Fahrt macht Spaß, als Bonus gibt es noch stetig lauter werdende Geräusche von der Unterseite des Wagons. Es klingt so, als würden metallene Gegenstände an das Fahrwerk knallen – Klonck, Däng, Dong!  Bei etwa 250km/h, ist das durchaus beunruhigend, auch andere Fahrgäste gucken besorgt aus der Wäsche, und beginnen hektisch nach dem Zugbegleiter Ausschau zu halten. Um im Falle der wohl unvermeidbaren Katastrophe wenigstens als 1. Klasse Passagier in die Opferstatistik einzufließen, begebe ich mich zum Frischmachen in den Hänger vor uns. Dort wird dann auch eine ziemlich energische Ansage über die Lautsprecher geschickt – alles gut, die Geräusche stammen von aufgewirbelten Eisplatten auf der Strecke! Ist halt Winter!

    Um kurz nach eins erreichen wir dann mit der Bergbahn Bayerisch Eisenstein. Hier scheint tatsächlich sogar gerade die Sonne. Der Bahnhof liegt direkt an der Grenze, am Bahnsteigende ist man schon in Tschechien. Der Bahnbetreiber hat dort einige ältere Wagons abgestellt, zusammen mit interessant aussehenden Reisenden, und Schneehaufen, die im Sonnenschein funkeln, entsteht so eine Stimmung wie in diesem Video von Sarah Connor, das wir natürlich eigentlich gar nicht kennen!

    Nach kurzer Orientierungszeit beginnen wir den Aufstieg. Eigentlich können wir nicht viel verkehrt machen! Der Gipfel, der durch zwei stillgelegte Radaranlagen gekennzeichnet wird, ist deutlich zu erkennen.

    Thomas und ich hatten ja befürchtet, dass die ganze Region von Wintersportlern bevölkert wird. Auf den Skipisten über uns ist tatsächlich auch noch Betrieb, aber die Wege dorthin sind ziemlich einsam und größtenteils sogar fei von Langlaufloipen. Einmal kommen uns zwei ältere Damen entgegen. Da unsere Isomatten deutlich sichtbar an den Rucksäcken angebracht sind, erkennen die beiden gleich, dass wir zwei verwegene Zeitgenossen sein dürften. Nach freundlichem Smalltalk erklären wir dann unsere Absicht, und ernten dafür so etwas wie Anerkennung. Als ich auf Nachfrage noch erkläre, dass unser Ziel nicht zuletzt auch darin besteht, uns gegenseitig unsere Männlichkeit zu beweisen, haben wir wohl zwei weitere Fans gewonnen!

    “Dermaßen beschwingt kommen wir gut voran” – steht dann üblicherweise in unseren Berichten. Heute allerdings merken wir schnell, dass die letzte Tour bereits drei Monate her ist. Jeder Meter, den wir teilweise in Schneeschuhen zurücklegen, wird hart erkämpft. Als es  zu dämmern beginnt, sind wir immer noch nicht oben. Zum Glück lassen sich aber durch die Aussicht auf eine ordentlich Portion der mitgeführten vegetarischen Ravioli die letzten Kräfte mobilisieren. Mittlerweile befinden wir uns immerhin in über 1000m Höhe. Hier beginnen, bzw. enden vielmehr die Pisten der Snowboard- und Skifahrer. Von den umliegenden Almen und Skihäusern erklingt bereits die obligatorische Apres Ski Mucke. Unser Favorit an diesem Abend ist die Uptempo Version von “Dein ist mein ganzes Herz”, mit der wir am “Berghaus” willkommen geheißen werden.  Da unsere Route parallel zu den Abfahrten verläuft, kommen uns nun immer wieder Menschen auf Brettern entgegen. Ein Anblick, an den wir uns erst einmal gewöhnen müssen, vor allem wenn man bedenkt, dass wir Ostfriesen sind, und dementsprechend nur über theoretische Wintersporterfahrung verfügen!

    Weil wir uns etwas von unserer Route entfernt haben,  können wir uns nun die Skipisten aus nächster Nähe ansehen. Das ist zwar ziemlich steil, dennoch geht es trotz der Dunkelheit stetig aufwärts. Ab und zu verstecken wir uns zur Sicherheit vor den nahenden Raupenfahrzeugen, die die jetzt menschenleere Strecke für den nächsten Tag vorbereiten. Gegen sechs erreichen wir dann das erste der zwei Radome –  und haben es endlich geschafft. Unter uns können wir die Lichter der umliegenden Städte schimmern sehen Im Gipfelbereich ist es recht zügig und kalt. Beim größten Gipfelkreuz, das wir ja gesehen haben, genießen wird noch kurz die Fernsicht und beginnen dann mit der Suche nach einem geeigneten Lagerplatz. Ravioli, wir kommen!!!

    Unser Abstieg über die Nordseite führt an der Alm am Gipfelplateau vorbei. Hier wird bei lauter Musik viel gelacht, nur zwei einsame Wanderer stapfen immer noch durch die teilweise hüfthohe weiße Pracht.

    Nach einer halben Stunde erreichen wir dann eine Lichtung. Es liegt zwar etwa ein halber Meter Schnee,  Lawinengefahr besteht aber keine. Es kommt mir ein Artikel, den ich neulich gelesen habe, in den Sinn. Dort stand, dass mittlerweile wieder Wölfe den Bayrischen Wald bevölkern. Bevor sich aus dem Gedanken so etwas wie Angst entwickeln kann, habe ich ihn auch schon wieder vergessen. Es gilt jetzt, alle Konzentration für das Herrichten des Lagers zu verwenden! Das ist übrigens, wenn einem etwas kalt, müde und hungrig zumute ist, gar nicht so leicht!

    Im Schein meiner Stirnlampe, und im Flackern von Thomas Fahrradlämpchen (Vorbereitung ist Trumpf!) beginnen wir mit vereinten Kräften eine Fläche einzuebnen. Hierzu trampeln wir mit den Schneeschuhen den Pulverschnee zusammen, und es entsteht in wenigen Minuten eine bequem anmutende Fläche von etwa 3 Quadratmetern. Für den Aufbau des Zeltes benötigen wir etwa ein halbe Stunde, was vor allem daran liegt, dass es relativ schwierig ist, die Heringe in dem immer noch recht lockeren Schnee zu verankern. Wir bemühen uns aber, dies mit größter Sorgfalt zu erledigen! Schließlich haben wir keinen Bock, mitten in der Nacht die Schlafsäcke verlassen zu müssen, um das Zelt wieder aufzurichten.

    Nachdem unser Heim endlich steht, beginnt der angenehme Teil des Abends, es ist etwa neun Uhr, ab in die Koje! Vor dem Zelt bringt Thomas noch schnell die heißersehnten Ravioli in einen lauwarmen und flüssigen Aggregatzustand – ein köstliches Mahl, das wir zuzusagen im Bett zu uns nehmen. Zum anschließenden Zähneputzen muss heute ein Kaugummi reichen, dann ist Schlafenszeit!

    Die Nacht ist recht angenehm, einmal schrecke ich hoch weil ich träume dass Mörder um das Zelt herumschleichen – mehr passiert nicht. Am frühen Morgen kriecht dann die Kälte in die Schlafsäcke – immerhin trennen uns nur ein paar Millimeter Kunststofffaser von der vereisten Schneedecke. Es ist Zeit aufzustehen, was der bisher unangenehmste Teil der Tour, ist. In den Schafsäcken ist es zwar kühl, vor dem Zelt aber wirklich kalt! Es ist gilt aber das alte ostfriesische Motto “Nützt ja nix – muss ja weiter gehen”. Mit klammen Fingern quetschen wir die eisigen Klötze am Ende unserer Beine zurück in die Stiefel. Da diese über Nacht im Zwischenraum von Innen-und Außenzelt standen, sind die Schnürsenkel komplett vereist, was das Ganze zu einer echten Bewährungsprobe macht.

    Insgesamt benötigen wir aber zum Abbau und Herrichten viel weniger Zeit, als wenige Stunden zuvor zum Aufbau. Es ist etwa sieben Uhr morgens, der sternenklare Himmel sorgt für ausreichende Beleuchtung und wir beginnen den Marsch Richtung Bodenmais. Das Gehen ist zwar anstrengend, bringt den Körper aber schnell wieder auf Betriebstemperatur, so dass wir später nicht einmal mehr Handschuhe tragen brauchen. Als die Sonne aufgeht, wird unsere Wanderung dann schnell zu einem sehr angenehmen, morgendlichem Waldspaziergang.

    Nur in einem Punkt besteht noch Handlungsbedarf: Obwohl ich meinen Wasservorrat mit in den Schlafsack genommen habe, ist er gefroren. Mittlerweile bin ich aber wirklich durstig. Zum Glück hilft ein Griff in den Schnee. Der schmilzt im Mund – nicht in der Hand, sehr schnell, und schon rinnt mir ein wenig Wasser angenehm die Kehle hinunter. Die Prozedur ist tatsächlich sogar so erfrischend, dass ich sie etwa zehnmal wiederhole. Fürs Protokoll: In extremen Situationen wird vom Verzehr von Schnee dringend abgeraten. Erstens können darin Fuchsbandwürmer enthalten sein, und zweitens entzieht das Schmelzen des Schnees dem Körper mehr Energie als er durch die Aufnahme gewinnt! Obacht also, trotzdem eine interessante Erfahrung.

    Wir setzten unsere Wanderung fort, vorbei an gefrorenen Wasserfällen und beeindruckend langen Eiszapfen erreichen wir frühmorgens Bodenmais. Am Ortseingang mustern uns zwei Waldarbeiter recht kritisch, als wir erklären wie wir die Nacht verbracht haben, sind die beiden allerdings voll des Lobes für uns zwei Flachlandtiroler und Preußen!

    Wir haben noch über eine Stunde Zeit bis zur Abfahrt des Zuges, darum laden wir uns noch zu einem ausgiebigen Frühstück in ein rustikales Lokal ein. Die Serviererin, die übrigens “ein Dirndl auch ausfüllen kann”, um einen Beitrag zur aktuellen Debatte zu liefern, ist sichtlich erfreut über unseren Appetit!

    Dann müssen wir auch schon aufbrechen, zwischen Plattling und Würzburg beobachte ich eine Frau dabei, wie sie über eine Stunde angeregt telefoniert, und dann, noch mit dem Hörer in der Hand, einschläft ohne das Gespräch zu beenden – beeindruckend.

    In Würzburg steigen wir dann um in den ICE nach Hamburg. Es ist mittlerweile Sonntag Mittag – Pendlerzeit. Bis Fulda stehen Thomas und ich darum eingequetscht im Eingangsbereich. Der Zug ist proppenvoll, was unserer guten Stimmung allerdings keinen Abbruch tut. Zusammengeschweißt zu einer temporären Schicksalsgemeinschaft kommt man schnell mit den Mitreisenden ins Gespräch, außerdem lässt einen das Verhalten von rücksichtslosen Erziehungsberechtigten eventuelle eigene Pläne zur Familiengründung noch einmal gründlich überdenken.

    Nachdem wir in Kassel zum Glück Sitzplätze erkämpfen konnten, verläuft die weitere Rückfahrt gewohnt reibungslos – pünktlich zur Tatortzeit sind wir dann beide wieder zurück von unserem Survivalkurztrip.

     


  2. November 6, 2012 by oliver

    Gipfel #16: Bayern

    Es ist soweit, die letzte Etappe steht an. Uns erwartet mit der 2963m hohen Zugspitze der gleichzeitig höchste Berg von Bayern und Deutschland. Abgesehen davon ist die Zugspitze auch die mit Abstand höchste natürliche “Erhebung” auf unserer Tour.

    Für das große Finale haben Thomas und ich uns schon vor Wochen auf diesen Termin verständigt. Lange Zeit sah es so aus, als würde uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung machen – aber scheinbar haben wir doch noch Glück. Etwa drei Tage vor der Abfahrt können wir davon ausgehen, dass von meterologischer Seite keine Hindernisse mehr auftauchen, lediglich der Rückmarsch könnte ein wenig feucht werden. Es gilt allerdings noch eine unerwartete Hürde zu nehmen: Woran wir nämlich nicht gedacht haben: Zeitgleich zu unserem Gipfelversuch findet ein weiteres, ebenfalls nicht unbedeutendes Ereignis statt. In München ist Oktoberfest, zur “Wiesn” werden mehr als sechs Millionen Gäste erwartet, und der eine oder andere Besucher dürfte genau wie wir mit Nah- und Fernverkehrszügen zum größten Volksfest der Welt anreisen. Unsere Freude, sich auf der Fahrt nach Bayern unter das feiernde Volk zu mischen hält sich in Grenzen. Wir haben Müsliriegel und Isomatten im Rucksack, “die” führen als Proviant Bier, Bier und nochmals Bier mit sich.

    Zum Umdisponieren ist es allerdings zu spät, darum beginnt unsere Reise an diesem Donnerstag Abend mit der Fahrt im Nachtzug von Hamburg nach München. Am Bahnsteig treffen wir wie erwartet auf lederbehoste Fahrgäste, die eine stattliche Menge Oktoberfestbier und mobile Soundsysteme mit sich führen. Zu hören ist u.a. DJ Ötzi, der uns vom alten Holzmichel berichtet, aber auch gute alte Blasmusik steht auf dem Programm.

    Zum Glück erwischen wir ein ruhiges Abteil im Liegewagen. Alle sechs Betten sind belegt, Thomas und ich liegen uns ganz oben in Etage drei gegenüber. Wegen der gut bepackten Rücksäcke ist alles ziemlich beengt, allerdings entsteht so auch heitere Klassenfahrtsatmosphäre. Es gibt ein wenig Small Talk mit den anderen Bewohnern aus China, den USA und Pinneberg, man spricht englisch, schließlich versprüht ein Nachtzug immer auch ein wenig internationales Flair. Wir verbringen dann noch einige Zeit damit uns einzurichten, und die Ausrüstung, wie Stirnlampen oder Kameras, zum x-ten Male zu überprüfen. Zum Schlafen ist es noch zu früh, außerdem huschen in regelmäßigen Abständen Menschen mit Tirolerhut oder Lederhose am Abteil vorbei. In Hannover hält der Zug dann planmäßig für eine Dreiviertelstunde. Ich nutze die Zeit, um mich am Bahnsteig mit einigen Mitreisenden anzufreunden, eine Postkarte in die Heimat zu beschreiben und ein paar Fotos von Hannovers abendlicher Fußgängerzone zu schießen. Thomas bewacht derweil das Gepäck unserer Seilschaft. Kurz vor der Weiterfahrt kann ich noch beobachten, wie eine fünfköpfige Gruppe von Damen im fortgeschrittenen Alter versucht die Rolltreppe entgegen ihrer Fahrtrichtung zu besteigen. Trotz meiner Anfeuerungsrufe scheitert das Unternehmen schließlich an der mangelnden Einstellung der Ladys. Sie haben den Erfolg einfach nicht genügend gewollt, wir hingegen sind voll auf unser Ziel fokussiert. Seit Tagen schon kreisen die Gedanken um unseren letzten Berg – wohl kein Ostfriese vor uns hat alle 16 höchsten Punkte dieses Landes bezwingen können. Wir hoffen, uns nach erfolgreichem Ende der Tour einreihen zu können in die ruhmreiche Liste erfolgreicher Ostfriesen – Otto Walkes, H.P. Baxter, Eva Hermann – das sind unserer Brüder und Schwestern im Geiste.

    Morgens um kurz nach sechs laufen wir dann in München ein – noch nieselt es ein wenig, aber das soll ja besser werden.Wir haben knapp 10min Zeit zum Umsteigen, hierbei müssen wir einen kleinen Hindernissparcour um einige gestrandete Wiesnbesucher absolvieren. Dies gelingt uns ohne nennenswerte Zwischenfälle, so dass wir rechtzeitig im Regionalexpress nach Garmisch-Partenkirchen sitzen. Jetzt kann uns nichts mehr aufhalten! Entlang des Starnberger Sees und immer höherer Berge geht unsere Fahrt stetig hinauf ins Wettersteingebirge. Während der Fahrt betreiben wir noch ein wenig Konversation mit einer Gruppe chinesischer Touristen. Auch diese wollen auf die Zugspitze, allerdings per Seilbahn. Mit unserem Unterfangen können wir jedoch nur bedingt Eindruck schinden, liegt doch der Mt. Everest innerhalb des chinesisch besetzten Tibet. Der höchste Berg der Welt ist dreimal so hoch, da können wir einpacken…

    Nach insgesamt 12 1/2 Stunden Fahrt sind wir dann endlich da. Am gemütlichen Bahnhof von Garmisch gönnen wir uns ein kurzes Frühstück, heben noch einmal Geld ab und beginnen den Aufstieg zur Zugspitze. Als alpenunerfahrene Wanderer haben wir uns für den Normalweg entschieden. Er gilt als gleichzeitig längster und einfachster Weg, und führt zunächst entlang der Partnach zum Skistadion auf 730m Höhe. Nach kurzer Besichtigung, immerhin war hier einer der Austragungsorte der Olympischen Winterspiele 1936, führt uns der Weg in das Naturdenkmal Parnachklamm. In der teilweise bis zu 80m tiefen Schlucht ist zu spüren, dass wir jetzt wirklich in den richtigen Bergen angekommen sind. Teilweise ist das Sprudeln des Flußes hier so laut, das man sein eigenes Wort kaum noch versteht. Der Blick nach rechts, in Kombination mit dem diffusen Sonnenlicht, ist wirklich beeindruckend – vor allem wenn man so ein Naturschauspiel eigentlich nur aus Rambofilmen kennt.

    Nach der Klamm führt unser Weg etwa zwei Stunden stetig aufwärts bis zur Blockhütte auf 1052m. Hier beginnt das Reintal, und wir sind umgeben von Graten und Gipfeln die alle höher sind als sämtliche bisherigen höchsten Punkte auf unserer Tour. “Die Sonne lacht und macht das Wandern zu einem besonderem Vergnügen”, würde hierzu wohl im Reiseführer stehen.

    Nach weiteren zwei Stunden zügigen Gehens gelangen wir zur Reintalangerhütte in 1370m Höhe. Nachdem man 10 Minuten sitzt und nicht mehr schwitzt, bemerkt man erst wie kalt es hier oben bereits ist! Wir bestellen eine kleine Mahlzeit und strecken die Beine unter dem Tisch weit aus. Die Verlockung, noch länger an diesem gemütlichen Ort zu verweilen ist groß, aber wir haben ja noch was vor. Durch das Brunntal steigen wir dann innerhalb der nächsten Stunden auf teilweise wirklich steilen Wegen bis zur Knorrhütte auf 2057m Höhe. Mittlerweile ist es sechs Uhr, alles ist planmäßig gelaufen, Zeit Feierabend zu machen. Etwas später geht dann auch schon die Sonne unter, und wir beobachten, wie der Fels etwa alle 15 Minuten seine Färbe ändert. Von grau über braun zu Gold ist alles dabei. Dann wird das Nachtlager bezogen, Körperpflege betrieben und fein gespeist. Nachdem wir vor dem Schlafen nochmals den vielversprechenden Wetterbericht gecheckt haben, schlafen wir auch schon ein.

    Morgens um sechs klingelt der Wecker, nachdem alle Sinne halbwegs wieder beisammen sind, werfen wir uns in Schale um noch vor Sonnenaufgang den Gipfelsturm zu beginnen. Wir entscheiden uns weiterhin für die Normalroute, der Jubiläumsgrat wäre theoretisch ein reizvolle Option, kommt für uns aufgrund geringer Erfahrung, die noch dazu hauptsächlich aus dem Studium der Bücher von Reinhold Messner stammt, nicht in Frage. Stattdessen geht es entlang des Zugspitzblattes stetig voran. Wir könnten sogar noch schneller sein, aber das Licht ist optimal für diverse Fotosessions geeignet, da kann man nicht nein sagen. Es steht nicht ein einzige Wolke am Himmel, außerdem sind außer uns keine weiteren Gipfelaspiranten auszumachen. War der gestrige Aufstieg schon bemerkenswert , so ist die finale Etappe bezüglich der Wetterbedingungen nicht mehr zu überbieten. Schön wäre es, an dieser Stelle behaupten zu können, dass wir das alles für den Endspurt genau so geplant haben – stattdessen haben wir einfach Glück. Dies aber wohl nicht zuletzt auch deshalb, weil wir gestern ganz brav die Teller leer gegessen haben!

    Mittlerweile ist es etwa halb zehn, wir befinden uns am Ende des Nördlichen Schneeferners. Vor uns liegt die Schlüsselstelle, der ziemlich steiler Anstieg durch ein wirklich unfreundlich aussehendes Geröllfeld am Anfang des Gletschers. Auch andere Bergsteiger, die sich inzwischen an der Stelle versammelt haben, sind nicht ganz sicher ob man hier wirklich weiterkommt. Laut Karte ist dies jedoch eindeutig der richtige Weg. Nachdem wir schon mal eine Lage Bekleidung abgelegt haben, nehmen wir den Kampf mit dem etwa 300m langen Weg um etwas mehr als 50 Höhenmeter auf. Bei fast jedem Schritt rutsch man dabei ein kleines Stück wieder bergab. Es ist wirklich schwer Halt zu finden, und zum ersten Mal beneide ich Thomas um seine Carbon-Wanderstöcke.

    Irgendwann ist es dann geschafft, das Geröllfeld ist überwunden, mehrere Hektoliter Schweiß dürften mittlerweile den Weg säumen. Jetzt beginnt der langerwartete, versicherte Teil des Anstieges. Manche Stellen sind wirklich nur in Dreipunkthaltung zu überwinden, allerdings macht das Ganze hier auch besonders viel Spaß. Ach ja, und der Ausblick wird, bei weiterhin optimalen Wetterbedingungen, mit jedem Schritt spektakulärer. Auf dem abschließenden Grat ist es dann doch ein wenig zügig und kalt, die Sonne wärmt einen allerdings ausreichend und außerdem ist der Gipfel zum Greifen nahe.

    Kurz nach Mittag sind wir dann oben, zwar befinden sich dort geschätzte 500 Besucher, aber ein eigens für uns bereitgestelltes Empfangskomitee ist leider Fehlanzeige. Kein Shakehands mit Lokalpolitikern, keine Blasmusik, keine kreischenden Mädchenhorden – wir genießen unserenTriumph ganz still und nur für uns indem wir uns die Hände reichen. Geschafft – jetzt nichts wie ab zur Seilbahn um dann mit dem Taxi zum Flughafen zu fahren…
    Ok, war ein Witz. Nachdem wir uns eingereiht haben, um das obligatorische Foto am stark bevölkerten Gipfelkreuz zu schießen, stoßen wir mit Cola auf das erfolgreiche Ende der Tour an. Ein gutes Gefühl, jetzt gilt es lediglich noch auf dem gleichen Weg gesund zurück nach Hause zu kommen. In diesem Moment erinnern wir uns noch einmal gegenseitig daran, dass die meisten Unglücke am Berg beim Abstieg geschehen! Also – noch einmal die Wanderstiefel fest zugeschnürt, und auf gehts.

    War die Schwerkraft beim Aufstieg noch unser Feind, so ist sie jetzt unser bester Freund. Bedächtig passieren wir zunächst den Grat um zurück zum besagtem Geröllfeld zu gelangen. Hier macht der Abstieg dann besonders viel Spaß, den nun kann man, begleitet von neidischen Blicken aufsteigender Gipfelstürmer, mit einer speziellen Kombination aus Gleit- und Sprungtechnik mit einen Schritt fast zwei Meter machen.
    Gegen fünf sind wir dann wieder auf 1370m an der Reintalangerhütte. Die nahende Dämmerung, und vor allem der Wetterbericht, der spätestens ab dem frühen Morgen starken Niederschlag prognostiziert, zwingen uns eine Entscheidung zu treffen: Entweder hier Quartier nehmen und morgen erholt, aber dafür im Regen zurück, oder sofort so weit laufen wie die müden Knochen noch zulassen, um dabei das schöne Naturerlebnis noch so weit und lange wie möglich auszukosten.

    Wir raffen uns nach kurzer Bedenkzeit dann noch einmal auf, und gehen weitere zwei Stunden entlang der Partnach bis zur längst geschlossenen Bockhütte. Dort verbringen wir zufrieden und erschöpft auf der hölzernen Veranda eine letzte Nacht im Freien. Mittlerweile stehen schon recht viele Wolken am Himmel, so dass keine Sterne auszumachen sind. Dafür spielt uns der Fluss mit seinem abwechslungsreiche Sprudeln, Gluckern und Glucksen ein schönes Einschlaflied. Auch die Phantasie wird angeregt, im Schlaf erscheinen uns Meuchelmörder und Monster, nicht ganz so nett…

    Morgens um fünf ist dann Aufstehzeit, im Stockdusteren geht es mit Hilfe der Stirnlampen zurück Richtung Garmisch. Mittlerweile hat es auch wie angekündigt zu regnen begonnen. Wir sind dennoch bester Laune, kommen gut voran und gegen acht Uhr genießen wir das Privileg, mutterseelenallein durch die Partnachklamm flanieren zu können – ein schöner Abschluss unserer Wanderung. Wenig später sind wir dann zurück in der Zivilisation, am Bahnhof von Garmisch warten auch schon delikate Heißgetränke auf uns. Bereits um diese Uhrzeit sind übrigens schon wieder einige mutmaßliche Oktoberfestbesucher, erkennbar an Lederhose und Dirndl, unterwegs zur Wiesn. Um neun geht dann der RE zurück nach München, mit jeder Station wird der Zug voller und voller, genau wie einige Fahrgäste. Aber dennoch ist die Fahrt schnell vorüber, wehmütig sehen wir die Berge kleiner und kleiner werden um dann schließlich endgültig im Nebel zu verschwinden. Ab München geht es dann in nur sechs Stunden zurück nach Hamburg – geschafft!

    Sieben aufregende Monate sind vorüber, aber für ein Resümee ist es noch zu früh – oder, um es mit den Worten eines großen Sportlers zu sagen: “I look not back, I look in front.”

     


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  3. Oktober 14, 2012 by oliver

    Gipfel #15: Baden-Württemberg

    Wir konnten ja mittlerweile bereits 14 der angepeilten 16 Gipfel bestiegen. Man darf also getrost die Behauptung aufstellen, dass sich eine gewisse Routine eingestellt hat: Proviant kaufen, Rucksack packen, ab zum Bahnhof, sich dort im Gewusel finden – dann, nach einer längeren Zugfahrt, ab auf den Berg – das aus zahlreichen Episoden bekannte Programm.

    Für die Tour zum Feldberg haben wir uns darum um ein wenig Abwechslung bemüht – soll ja nicht langweilig werden! Unsere Reise buchen wir diesmal z.B. eine Woche im Voraus, wir fahren mit dem City Night Liner zu unserem 1493m hohen Ziel, den Feldberg in Baden-Württemberg.

    Den besagten Zug besteigen wir in Göttingen, vorher haben wir uns nämlich noch mit einem Freund getroffen. Bei dieser Gelegenheit wurden noch schnell, und bereits vor dem “offiziellen” Etappenstart, die obligatorischen Siegerpommes eingenommen! Um 23:30 ist dann Abfahrt mit dem Nachtzug Richtung Basel. Nachtzug – das klingt doch irgendwie nach Agentengeschichten, mit Hutkoffern, Dampflokomotiven und dem Fahrtziel Paris. Verspricht also eine interessante Fahrt zu werden. Allerdings waren wir mit der Buchung etwas spät dran, darum befinden sich die reservierten Plätze im Großraumabteil.

    Aber die Liegesessel sind recht bequem, mit Kopfhören und dem Sound von Leonard Cohen im Ohr sind Schnarch- und sonstige Körpergeräusche der Sitznachbarn gut zu übertönen. Morgens um sechs erreichen wir bei Dunkelheit Freiburg im Breisgau. Der Bahnhof wird durch mehrere Gruppen von Postpubertierenden belebt – für die endet der Tag bald, unserer fängt gerade erst an. Darum nutzen wir die viertelstündige Aufenthaltszeit für ein Frühstück mit Croissants und heißem Kaffee.

    Eingangs wurde es bereits erwähnt, auf dieser Tour weichen wir von gewohnten Mustern ab. So findet tatsächlich ausgerechnet an diesem Wochenende Richtung des Feldbergs Schienenersatzverkehr statt. Uns bleibt nichts anderes übrig, als in den gecharterten BUS zu steigen!

    Dieser bringt uns sicher nach Titisee – Titisee?!? Wie gesagt, alles anders diesmal, darum zur Abwechslung mal ein wenig Bildungsprogramm. Wir bemühen Wikipedia, wo über die Herkunft des Ortsamens verschiedene Theorien zu lesen sind. Uns gefällt die hier am besten: Der römische Feldherr Titus hat der Legende nach in der Gegend am Titisee gelagert. Dabei scheint ihm der See derart gefallen zu haben, dass er ihm seinen Namen gab.

    Okay, weiter im Text! Wir steigen um in die Regionalbahn und erreichen gegen acht den mit 987m höchstgelegen Bahnhof Deutschlands, Feldberg-Bärental.

    Von hier können wir schon bald den unbewaldeten Gipfel des Feldbergs erkennen. Der Weg dorthin soll etwa zwölf km lang sein, und ist auf beinahe jedem Meter wirklich sehenswert. Wir passieren beispielsweise den Feldsee, mit seinen beindruckenden, teilweise bis zu 200m hohen Steilklippen, und befinden uns lange Zeit in einen vorherbstlichen und vor allem nahezu naturbelassenen Wald. Grund hierfür ist übrigens, dass dieses Teilstück zum sogenannten “Bannwald” erklärt wurde. Hier lässt man die Natur einfach machen – gefällt uns!

    Bereits gegen 11 Uhr liegen nur noch zwei km vor uns. Wir sind bereits am Skilift der Piste am Gipfel angekommen. Hier befindet sich eine Hütte mit gastronomischem Betrieb – schnell verständigen wir uns per millisekundenlangen Augenkontakt, dass im Falle eines Gipfelsieges hier eingekehrt wird.

    Der Blick nach oben verheißt allerdings noch einige Anstrengungen, weshalb wir auch ein wenig neidisch auf die wenigen Passagiere in den Gondeln über uns schauen. Dass dieses Teilstück treppenartig angelegt ist, erleichtert die Angelegenheit nicht gerade, aber zum Glück sind wir nur mit leichtem Gepäck unterwegs. Schlafsäcke und Matten konnten schließlich wegen der nächtlichen Fahrt zugunsten von Proviant und Unterhaltungslektüre zu Hause bleiben.

    Der Feldberg heißt ja so, weil sein Gipfel aufgrund der seit Urzeiten dort grasenden Rinder kahl ist. Das mag man langweilig finden, für einen inspirierenden Rundblick während des Aufstiegs wiederum ist es eine gute Sache. So können wir dann auch schon von weitem das “bescheidene” Bismarckdenkmal ausmachen, das sich am Vorgipfel, dem Seebuck, befindet. Von hier hat man eine sehr gut Fern- und Rundumsicht. Ganz im Südwesten lässt sich, mit Hilfe der angebrachten Infotafel der Montblanc, und im Südosten die Zugspitze erkennen. So weit nach Süden konnten wir bisher noch nicht schauen – und dass man den höchsten Punkt Bayerns deutlich sehen kann erinnert uns nicht nur latent daran, dass noch was zu erledigen ist!

    Ein wenig respekteinflößend ist für uns Ostfriesen übrigens auch die Tatsache, dass die Zugspitze ja noch einmal doppelt so hoch ist wie der Feldberg, und selbst hier, auf gut 1400m Höhe ist es doch schon ein wenig frisch. Darum wird auf dem Rückweg, neben dem obligatorischen einander ärgern, die Planung der schon bald anstehenden Tour zum höchsten Berg Deutschlands unser bestimmendes Thema sein.

    Allerdings ist es noch nicht so weit, zunächst gilt es noch knapp 50 Höhenmeter auf einer Länge von zwei Kilometern zu überwinden. Erst nach einer weiteren halben Stunde sind wir dann wirklich am höchsten Punkt von Baden-Württemberg. Dieser ist durch eine Art Podest gekennzeichnet, und bietet für kurze Zeit noch einmal gute Fernsicht.

    Leider zeichnet sich ein Wetterumschwung ab, es bilden sich mehr und mehr Wolken am Himmel. Nachdem wir noch einige Minuten damit verbracht haben, ein ausgiebiges zweites Frühstück, bestehend aus Schokolade, Salami und Pumpernickel zu uns zu nehmen, machen wir uns an den Abstieg. Schweren Herzens lassen wir übrigens die angedeutete Einkehrmöglichkeit aus, man muss Prioritäten setzten, und unter Extrembedingungen kann jede Fehlentscheidung fatale Konsequenzen haben. Lieber gelangen wir hungrig und gesund als pudelnass und angeknackst zurück – wäre ein ungünstiger Zeitpunkt um sich noch eine Erkältung oder Schlimmeres einzufangen.

    Es findet ein geordneter Rückzug statt, ab und an begegnen wir anderen Wandergruppen oder Mountainbikern, die wie wir bereits längst Regenschutzkleidung tragen. Nach etwa dreistündiger Wanderung durch den Nieselregen sind wird dann in Hinterzarten. Dort setzen wir uns zu den anderen Senioren an die Bushalte, und warten gemeinsam auf den Schienenersatzbus Richtung Freiburg. Nachdem dieser eingetroffen ist, und wir das obligatorische Gedrängel beim Einstieg unbeschadet überstanden haben (Achtung- ein Gehstock kann eine Waffe sein), führt uns der Weg zurück nach Freiburg. Bereits nach kurzer Wartezeit, die wir mit dem Schreiben von Postkarten und rumhängen im Zeitschrifenladen zubringen, fährt schon der ICE Richtung Heimat ein. Auf der sechsstündigen Reise beginnt dann endgültig die Planung für unsere letzte Etappe zur Zugspitze, auf dass der Wettergott uns gnädig ist!


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  4. September 23, 2012 by oliver

    Gipfel #14: Sachsen

    Samstag, 4:55 Uhr – aufstehen, der Berg ruft. Wieder mal! So früh ging es allerdings noch nie los. Ziel diesmal ist der Fichtelberg. Dieser ist mit 1214m der höchste Punkt von Sachsen und steht unweit der deutsch-tschechischen Grenze im Erzgebirge.

    Treffpunkt ist heute Gleis 5 am Hauptbahnhof. Hier geht es erstaunlich still und gemütlich zu, und so besteigen wir den ICE Richtung Berlin auch in bester Hoffnung dass die Ruhe anhält. Ein paar Stunden Schlaf kämen doch recht gelegen, um noch ein wenig Kraft für die heute anstehende, etwa 30km weite, Tour zu sammeln.

    Bis Bergedorf kommen wir auch in den Genuss die Augen schließen zu können, dann ist Fahrausweiskontrolle. Direkt hinter uns gibt es Komplikationen, der Fahrgast erhält quasi die rote Karte und muss denn Zug verlassen. Hierzu ist bereits beim nächsten Halt in Ludwigslust ein kleines Empfangskommando der Bundespolizei angetreten. Natürlich findet eine recht emotional geführte Diskussion statt, an Schlaf oder pünktliche Weiterfahrt ist nicht zu denken. Nachdem der Mann dann aus dem Zug begleitet wurde, können wir unsere Fahrt fortsetzen. Völlig störungsfrei gelangen wir so über Berlin nach Leipzig. Hier ignorieren wir gekonnt den Annäherungsversuch einer älteren Dame, und sind nach nochmaligen Umstieg im schönen Zwickau wie geplant um Punkt 13:15 Uhr in Breitenbrunn.

    Von dort starten wir unseren Aufstieg zum Gipfel des Fichtelbergs, diesmal haben wir zusätzlich zur gewohnten iphone Navigation sogar noch ein echte Wanderkarte dabei. Trotzdem gestaltet sich der Weg aus dem Ort ein wenig kompliziert, wir brauchen länger als geplant und verlaufen uns einmal nicht Unerheblich. Das ist normalerweise kein Problem, sind wir doch mittlerweile nervenstark genug um derartige Krisen auszuhalten. Allerdings sitzt uns heute ein wenig die Zeit im Nacken, schließlich haben wir schon Mitte September, da ist es gegen acht dunkel und wir wollen ja heute eigentlich noch ein paar schöne Fotos am Gipfel schießen. Hierzu macht sich Tageslicht in der Regel ganz gut.

    Wir entschließen uns zu einer kurzes Rast, teilen uns zwei vegetarische Koteletts aus meinem Proviant und gelangen entsprechend gestärkt im Anschluss dann irgendwie auf den Pfad der Tugend, sozusagen! Es handelt sich hier um den Anton-Günther-Weg, benannt nach eben diesem, der als Dichter des Erzgebirges bekannt ist. Der Weg ist gut beschildert und in den nächsten Stunden machen wir ordentlich Strecke. Dabei überqueren wir übrigens mehrfach die deutsch-tschechische Grenze.

    Das Einzige, was weiterhin für Verwirrung sorgt, sind die Kilometerangaben auf den Hinweisschildern: Wenn man ab dem Hinweis “Fichtelberg – 6km” etwa 15min in die nachweislich richtige Richtung geht, ist die Verwunderung entsprechend groß, wenn die Distanz beim nächsten Schild mit 6,8km angegeben wird. Am meisten erstaunt es uns, als wir zwischen zwei Wegweisern, die maximal 100m voneinander entfernt stehen, innerhalb von einer Minute ganze 2km bis zum Fichtelberg gutmachen können.  Aber – anspruchsvolles Programm ist wichtig für die Stimmung in der Gruppe, und Widerstände sind zum Überwinden da!

    Gegen sieben ist es dann soweit, wir erreichen mit Beginn der Dämmerung unser Ziel. Es ist ausreichend Zeit noch ein paar Bilder zu machen. Was uns besonders erfreut, ist die Tatsache, dass das Restaurant auf dem Gipfel nicht nur noch geöffnet hat, sondern sogar Unterhaltung geboten wird. Die Impress-Blues-Band spielt live, während wir uns unter die anderen Gäste mischen, um uns mit Spaghetti und Pilzmedaillons zu stärken.

    Nachdem Einbruch der Dunkelheit, zahlen wir die Zeche, wünschen schönen Abend und begeben uns auf die Suche nach einem guten Lagerplatz für die Nacht. Beim Aufstieg hatten wir hierfür bereits ein Holzhaus direkt am Gipfel als Schutzhütte ausgemacht. Dort angekommen stellen wir dann leider fest, dass es sich um ein kleines Lagerhaus handelt, was wohl zu dem kleinem Garten direkt nebenan gehört. Wir beschließen nach kurzer Diskussion nicht länger zu suchen, sondern stattdessen einfach die Isomatten direkt neben der Hütte auszurollen. Immerhin bietet die Konstruktion einen guten Schutz gegen den Wind auf über 1200m Höhe. Während wird in einiger Entfernung noch die Zugabe der Impress-Blues-Band hören, findet über uns mal wieder ein beeindruckendes Schauspiel statt. Es stehen keine Wolken am Himmel, der Vorhang für einen wieder mal fantastischen Blick bis in die Milchstraße ist gelüftet!

    Nach einiger Zeit, wir haben es vielleicht gerade mal 22Uhr, schlafen wir dann ein. Die Nacht verläuft unspektakulär, es ist jedoch ein wenig frisch. Wie sich morgens herausstellt, gab es sogar leichten Frost. Man merkt auch hieran, dass sich sowohl das Jahr als auch Thomas und ich auf der Zielgraden unserer Tour auf die 16 Gipfel befinden.

    Am Morgen stehen wir noch vor Sonnenaufgang auf, schließlich gilt es knapp 10km bis zum Bahnhof  in der Tschechei zurückzulegen. Da hier nur dreimal am Tag Züge fahren, wollen wir den um 9Uhr15 nur sehr ungern verpassen! Gerade als wir das Gipfelplateau verlassen wollen, sehen wir die Sonne aufgehen. So nehmen wir uns dann doch sehr gerne noch einige Zeit, und erleben,sozusagen von den allerbesten Plätzen, wie es innerhalb von 10min spürbar heller und auch wärmer wird.

    Entlang der Skilifte starten wird dann den Abstieg. Dieser wird dann häufiger und mit großem Vergnügen unterbrochen, denn mittlerweile ist das Erzgebirge in goldenes Licht getaucht. Es herrschen nahezu perfekte Bedingungen für weitere Fotos zur Dokumentation dieses unvergesslichen Morgens.

    Nachdem Thomas und ich dann schließlich den Fuß des Berges erreichen, entschließen wir uns den empfohlenen Weg entlang einer Straße zu verlassen. Auf der anderen Seite der Grenze haben wir nämlich einen viel ruhigeren Pfad ausgemacht. Um hierhin zu gelangen, müssen wir lediglich einen etwa drei Meter breiten „Fluss“ überqueren. Zwar ist keine Brücke auszumachen, durch beherzte Sprünge gelangen wir aber einigermaßen trockenen Fußes auf die andere Seite. Dennoch beschleicht uns auch über zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhanges das Gefühl eine Art Republikflucht begangen zu haben – hoffentlich gibt das nicht noch Ärger!

    Wie dem auch sei, wir sind dann schon eine Stunde vor der geplanten Abfahrt des Zuges am Bahnhof von Ceske Hamry, was übrigens auf deutsch Böhmisch-Hammer bedeutet. Der “Bahnhof” besteht aus einem 5m breiten Holzhäuschen und einer Sitzbank. Im Gleisbett wachsen und gedeihen zahllose Pflanzen, weitere Wartende sind und bleiben Fehlanzeige. Wir vertreiben uns die Zeit mit einem Pumpernickelfrühstück, danach führen wir Balancierwettbewerbe im Gleisbereich durch. Schließlich gestehen wir uns dann, dass doch leichte Bedenken vorhanden sind, ob hier in diesem Jahr überhaupt noch ein Zug anhält. Als dann die Abfahrtszeit beinahe 10min überschritten ist, beginnen wir, ziemlich enttäuscht, mit dem Aushecken von Alternativplänen.

    Zum Glück, und beinahe wie aus dem Nichts, hören wir dann aus der Ferne ein rumpelndes Geräusch- irgendetwas quält sich die Berge entlang. Wenig später steht dann unser Reisegefährt vor uns- es sieht aus wie aus einer anderen Zeit, soll uns aber dennoch für nur 2€ an unser Ziel tragen.

    Von Velperje, über Chemnitz, Leipzig und Berlin erreichen wir dann planmäßig in etwa 7 Stunden und durch zahllose Nickerchen erholt um 15:56 die mutmaßlich schönste Stadt der Welt. Jetzt geht es an die Planung der beiden letzten Etappen, auf uns warten noch der Feldberg und die Zugspitze.


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  5. September 3, 2012 by oliver

    Gipfel #13: Thüringen

    “Daraus machen wir unsere erste Speedbesteigung”, beschließen Thomas und ich euphorisch beim vorabendlichen Telefonat zur Planung für dieses Wochenende. Gemeint ist unsere Reise zum Großen Beerberg, den mit 972 Metern höchsten natürlichen Punkt von Thüringen. Angepeilt ist, mit dem letzten möglichen Zug zum Bahnhof von Suhl zu gelangen. Von dort wollen wir dann noch in der Nacht den Gipfel erklimmen.

    Wir starten gut gelaunt und wie gewohnt ab Hamburg Hauptbahnhof. Die erste Etappe des Besteigungsversuches führt uns nach Göttingen, wo wir etwa fünf Minuten Zeit zum Umsteigen haben, was somit sozusagen die Schlüsselstelle unserer Reise darstellt. Die Fahrt an sich verläuft recht ereignisarm, auch der Blick aus dem Fenster wird spätestens ab Hannover eher langweilig – längst hat es zu dämmern begonnen.

    In Göttingen erreichen wir wie geplant den Regionalexpress nach Neudietendorf. Im Zug lernen wir Helmut, den rüstigen Rentner aus Jena kennen. Der hat sich von seinem Tagesausflug aus Travemünde einige halbe Liter mitgebracht, und diese teilweise  auch schon eingenommen. Die Stimmung ist prächtig,

    Helmut erzählt von seiner Zeit bei den Zeisswerken, vor allem aber klären wir alle noch strittigen Fragen in Bezug auf den Fortschritt des deutschen Wiedervereinigungsprozesses. Zum Abschied, der selbstredend per Handschlag erfolgt, wünscht er uns “Individualisten” Berg heil. Helmut, wenn Du dies liest, Deine Ratschläge und Wünsche haben uns während des mühsamen Aufstieges viel Kraft und vor allem noch mehr gute Laune verschafft, danke dafür!

    In Neudietendorf haben wir dann planmäßig neunzig Minuten Aufenthalt.  Am menschenleeren Bahnhof, es ist mittlerweile beinahe 12 Uhr, geht es nicht besonders wild zu. Also entscheiden wir uns dazu, den Ort einmal näher in Augenschein zu nehmen und gleichzeitig vitaminreiche Kost in Form von Pommes oder anderer regionaler Spezialitäten zu uns zu nehmen. Die Kleinstadt präsentiert sich ruhig, friedlich und beinahe so schlafend wie der Bahnhof vorhin. Wir treffen zwei Kampfhunde,  die mit ihren Frauchen Gassi gehen.  Diese, (also die Frauchen!!!), teilen uns mit, dass um diese Zeit eigentlich alle gastronomischen Einrichtungen geschlossen sind. Wir könnten es allerdings noch bei “Brettis Grillbar” versuchen, dort sei am Wochenende manchmal länger geöffnet.

    Als wir an dem angekündigten Spitzenrestaurant angelangen, sind wir dann mehr als froh dass es tatsächlich noch geöffnet hat. Gleichzeitig macht sich aber auch Unentschlossenheit breit. Sollen wir tatsächlich eintreten? Alte, und eigentlich längst vergessen geglaubte Vorurteile bezüglich der neuen Bundesländer bahnen sich ihren Weg. Wie wird man uns Fremden begegnen – als Freunde oder als Eindringlinge?  Ein wenig erwarten wir eine Atmosphäre, wie man sie aus alten Western beim Eintritt des Cowboys in den Saloon kennt. Zum Glück fällt uns ein Zitat von unserem Schutzheiligen Reinhold Messner ein: Der sagt “Am Anfang stand die Tat!”, und bezieht sich hierbei direkt auf Goethe.  Also, Vorbehalte draußen lassen und rein in die gute Stube! Schließlich ist auf der Straße nix los und wir haben Hunger!

    Drinnen sind noch fünf Gäste plus Wirt und Helferin anwesend. Alle sitzen an der Theke, dort sind noch zwei Plätze frei. Diese Tatsache interpretieren wir blitzschnell und geistesgegenwärtig als gutes Zeichen und gesellen uns dazu. Es wird ein wenig Small Talk geführt, dann kommen wir zum Bestellvorgang. Wir lassen uns das Menü vortragen, es gibt noch Bockwurst,  eine vegetarische Alternative ist ausgerechnet heute Abend leider nicht mehr verfügbar. Aber so ist halt das harte und entsagungsreiche Los des Abenteurers!

    Die Nagelprobe, oder um sich noch einmal auf Herrn Goethe zu beziehen, die Gretchenfrage stellt sich in Bezug auf unsere Getränkewahl: Was für Cola – Coka oder Vita, lautet sie. Zum Glück sind wir bezüglich interkultureller Kommunikation einigermaßen erfahren. So verschaffen wir uns durch einen rhetorischen Trick ein wenig Zeit zum Nachdenken. Nach nochmaliger Aufforderung müssen wir uns dann entscheiden, im Saal herrscht atemlose Stille, man kann sozusagen die Nadel im Heuhaufen fallen hören. Wir entscheiden uns dann wir die klassische Variante, was dann von der linken Seite der Theke mit Lob, von der Rechten mit Tadel quittiert wird. Zumindest aber entwickelt sich eine kurze und angeregte Diskussion über die Vorzüge des jeweiligen Produktes und wir stehen nicht mehr im Fokus der Abendgesellschaft. Nachdem wir aufgegessen und die Gläser geleert haben, tauschen wir noch einige Freundlichkeiten aus, zahlen für das reichhaltige Mahl keine fünf Euro und verabschieden uns Richtung Bahnhof – unser Zug gen Gipfel geht um ca. 0:30 Uhr.

    Zurück am Bahnhof, wird uns von zwei jugendlichen Mitreisenden erklärt, was man abends in Neudietendorf so macht:  Man fährt weg!  Brettis Grillbar stellt wohl schon das absolute Highlight dar, auch wenn es nach Angaben der Mädels eher ein Laden für das einfache Volk sein soll. Als wir dann in der gut gefüllten Südthüringenbahn sitzen, macht sich bei Thomas und mir doch ein wenig Müdigkeit breit. So vergeht die letzte halbe Stunde  der Fahrt auch eher im Halbschlaf. Aus dem Fenster sehen ist eh ein ziemlich nutzloses Unterfangen, draußen ist es stockdunkel, nur vereinzelt tauchen überhaupt Lichter auf.

    Gegen halb zwei sind wir dann in Suhl am Fuße des Großen Beerberges. Der Bahnhof befindet sich im Süden der Stadt, der Weg zum Gipfel beginnt im Norden. Aus diesem Grund führt unsere Route mitten durch die Innenstadt des Wintersportortes. Auch in Suhl geht es um diese Uhrzeit eher gemütlich zu. Was uns verwundert ist, dass sich erstaunlich viele Mitglieder der Konsumgruppe der Silversurfer (Ü70, Anm. des Verfassers) in der Stadtmitte versammelt haben. Wir grüßen diese beim Passieren freundlich, leider bleibt kaum Zeit für ein nettes Wort, denn wie aus dem nichts kommt gleich eine ganz Kolonne von Reisebussen angerauscht und unter den Senioren entbrennt hektische Betriebsamkeit.

    Wir setzten somit zielstrebig unseren Aufstieg fort, werden dabei insgesamt viermal und in teilweise langsamer Fahrt von einem schweren Wagen mit verdunkelten Scheiben überholt. Wird sind leicht beunruhigt, in der Nähe eines “Küchenstudios”, vor dessen mit Rotlicht bestrahlter Fassade eine Fachkraft für Schutz und Sicherheit steht, bleibt unser Verfolger allerdings endgültig stehen.

    Entlang der Bundesstraße verlassen wir dann die Stadt und sind endlich im Wald. Spätestens hier kommen unsere Stirnlampen dauerhaft zum Einsatz, man kann trotz des unglaublich beindruckenden Sternenhimmels über uns kaum die Hand vor Augen sehen. Bei unserem Aufstieg leistet uns Google Maps wieder einen unverzichtbaren Dienst zur Navigation, vor allem weil viele der Hinweisschilder entlang des Weges wohl bei der letzten Rodung im Wald gleich mit entfernt, verstellt oder verdreht wurden.

    Thomas wird beim Aufstieg übrigens gleich mehrfach von Nagetieren attackiert, kann die Angriffe der feindselig gestimmten Waldbewohner allerdings unter Aufbietung all seiner Kraft erfolgreich abwehren. Zum Glück sind wir durch unserer Touren vorher mittlerweile erfahren genug um der Herausforderung dieser Speed- und gleichzeitig Nachtbegehung gerecht zu werden – niemand aus der Gruppe verliert die Nerven oder muß zurückgelassen werden!

    Um kurz vor vier ist es dann soweit, wir erreichen die hölzerne Aussichtsplattform des Berges. Die Sterne am Himmel scheinen eigens für uns ein Feuerwerk  abzubrennen, der Begriff atemberaubend ist mittlerweile von Rosamunde Pilcher und Konsorten arg überstrapaziert worden, gibt die Stimmung allerdings dennoch recht genau wieder!

    Nachdem wir uns noch ein wenig an Sonne, Mond und vor allem den Sternen erfreut haben, legen wir uns direkt auf den Boden der Holzkonstruktion. Die Bohlen sind für den angepeilten kurzen Erholungsschlaf weich genug, schließlich wollen wir mit dem Sonnenuntergang aufstehen, beeindruckende Fotos erstellen und dann weiterziehen. Dies sind auch etwa meine letzen Gedanken als ich einschlafe…

    Drei Stunden später wachen Thomas und ich dann wieder auf – den Sonnenaufgang haben wir verpennt, es ist natürlich taghell, schon ziemlich warm und gleich werden bestimmt auch schon die ersten Wanderer am Berg vorbeikommen. Höchste Zeit aufzustehen, aber wir kommen einigermaßen schwer in die Gänge. Zunächst gönnen wir uns noch ein Müsliriegelfrühstück direkt ans Bett, und führen anschließend eine kompliziert zu beschreibende Prozedur zum Wachwerden durch. Nachdem diese abgeschlossen ist, genießen wir das Panorama. Unter uns liegt zum Beispiel das noch tief schlafende Suhl, von wo aus wir vor nicht einmal fünf Stunden aufgebrochen sind. Nachdem die Taschen gepackt sind und ausreichend fotografiert wurde, starten wir dann entlang des Rennsteiges Richtung Oberhof. Der Rennsteig ist übrigens der älteste und mit etwa 100.000 Wanderern jährlich der meistbegangene Weitwanderweg Deutschlands. Was für ihn für uns besonders attraktiv macht ist u.a. auch, dass er vorbildlich ausgeschildert ist, und wir so auf dem Weg zu unserem Zielbahnhof nicht ein einziges Mal Handy oder Wanderkarte zücken müssen.

    Bereits um neun sind wir dann am Bahnhof, hier setzten wir uns gemütlich auf eine Bank in der Sonne und feiern, während wir die Reste des Proviants verspeisen, unsere erfolgreiche Speedbegehung. Da sich laut verschiedener Tageszeitungen heute der bisher wärmste Tag des Jahres ereignen soll, entscheiden wir uns spontan noch zu einem Kurztrip nach Erfurt. Dort laden wir uns natürlich noch einmal ausgiebig zum Frühstück ein und besichtigen im Anschluß daran noch Innenstadt und Dom der blinkenden und blitzenden Landeshauptstadt.

    Am frühen Nachmittag starten wir dann zur Fahrt nach Hause. Hitze und Müdigkeit lassen die Zeit recht zäh vergehen. Um genau zu sein, will das Teilstück nach Göttingen kaum vergehen. Unsere einzigen Beschäftigungen sind dösen, dämmern und uns gegenseitig ärgern. Letztgenanntes mag kurzweilig sein, ist auf Dauer aber recht anstrengend und darüber hinaus eine ziemliche Belastung für Nervenkostüm und Freundschaft. Aus diesem Grund sind wir froh, als wir ein letztes Mal umsteigen, um mit dem ICE Richtung Heimat zu düsen!

    Soweit zu den Ereignissen um unsere dreizehnte Etappe, als nächstes haben wir uns vorgenommen, in drei Wochen den Fichtelberg in Sachsen zu erklimmen. Bis dahin – abschalten nicht vergessen!


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  6. August 8, 2012 by oliver

    Gipfel #11/12: Saarland/Rheinland-Pfalz

    An diesem Wochenende sollen unsere bergsteigerischen Fähigkeiten gleich an zwei Gipfeln geprüft werden: Zunächst wird mit dem Dollberg, als höchstem Punkt des Saarlandes (693m), und später, als exponiertester Punkt von Rheinland-Pfalz, der 816m hohe Erbeskopf in Angriff genommen. Für das ambitionierte Unterfangen der Doppelbesteigung haben wird uns den Support von BC100 Kollegen MC Rene gesichert. Wer sein Buch “Alles auf ein Karte-wir sehen uns im Zug” nicht kennt, hat was verpasst und kann sich ein Exemplar  z.B. hier bestellen.

    Die Tour beginnt für Thomas und mich bereits um 6Uhr10 wie immer am Gleis 14. Entlang immer noch feiernder Massen, die dem Alkoholverbot im Bereich des HVV standhaft trotzen, bahnen wir uns den Weg. Die Fahrt in dem relativ leeren ICE überbrücken wir mit mehreren kurzen Nickerchen. Neben dem Horrorfilm, mit dessen Sound später einige Jugendliche das halbe Abteil beschallen, findet kein weiteres Unterhaltungsprogramm statt.

    Nach ungefähr vier Stunden erreichen wir Frankfurt am Main, dort können wir uns beim Umsteigen noch schnell mit Kaffee und Nuss-Nougat Croissants stärken. In Mainz steigt dann Rene dazu, mit diesem verlassen wir in Türkismühle bei strahlendem Sonnenschein unser rollendes Zuhause. Nachdem wir unsere Ausrüstung verstaut haben, (eine mitgeführte Plastiktüte erweist sich als eher suboptimales Transportgerät bei einer mehr als 40km langen Wanderung) beginnt der Aufstieg in den Schwarzwälder Hochwald.

    Auffällig ist, dass trotz des Sonntagswetters kaum andere Leute unterwegs sind. Ein einziges Mal werden wir von einem einsamen Greis auf einem Kinderfahrrad überholt! Nachdem wir als Grund für den menschenleeren Wald Ursachen wie z.B. die Apokalypse oder sportliche Großereignisse ausgeschlossen haben, einigen wir uns darauf, dass die nahe Mosel wohl für viele einfach attraktiver sein mag. Dort gibt es Wein, Weib und Gesang – wir haben Leitungswasser im Gepäck, genügen uns selbst und unsere Poesie ist eine Art spontane Alltagsdichtung. In dieser Disziplin erweist sich Rene wie erwartet als Meister aller Klassen.

    So geht die Zeit schnell vorüber, nach einer etwa dreistündigen Wanderung entlang wirklich schöner Wege gelangen wir auf das Gipfelplateau des Dollberges. Hier sieht man die höchste Stelle in Form des trigonometrischen Messpunktes vor lauter Bäumen nicht. Also irren wir ein wenig in der Gegend herum – man kann von Glück sagen dass wir uns knapp unterhalb der berüchtigten Todeszone befinden! Ständig wechseln wir zwischen der saarländischen und der rheinland-pfälzischen Seite des Berges hin und her. Nach einigem Vor, Zurück und im Kreis herum, finden wir dann doch die besagte Stelle, die durch ein einfaches Hinweisschild gekennzeichnet ist. Schell zücken wir die Kameras und halten den historischen Moment fest. Für uns ist es der elfte der sechzehn Gipfel, für Rene der Erste. Glückwunsch Homie – mad Props, wie ihr HipHopper sagt!

    Weiter gehts, an einem schönen Aussichtspunkt genehmigen wir uns eine längere Rast. Wir breiten die Isomatten aus, und verputzen den ein oder anderen Müsliriegel. Wer will, nutzt die Gelegenheit zu einem Powernapping. Die Sonne scheint, es ist mucksmäuschenstill, herrlich! Wenn nur die Ameisenkohorten nicht wären. Die sind emsig damit beschädigt, den ein oder anderen Brocken der Reste unserer Cerealien abzutransportieren. Hierbei stellen unsere Arme und Beine natürliche, und gleichzeitig behaarte Hindernisse dar, die von den Sechsbeinern gekonnt überklettert werden. Schön anzusehen, juckt nur ein wenig!

    Nachdem die vereinbarten 45 Minuten um sind, raffen wir uns auf, denn es gilt die zweite Etappe des Tages in Angriff zu nehmen. Wir kommen etwa drei Kilometer weit, dann werden wir von einem Hinweisschild in seinen Bann gezogen. Angepriesen wird hier ein Fischrestaurant, das sich nur 380 Meter entfernt befinden soll! Wir tauschen einige Blicke aus, und sind dann auch schon entlang einiger Forellenteiche unterwegs in das gelobte Land. Nachdem uns dort Zugang gewährt wurde, und wir Platz auf der Außenterrasse genommen haben, ordern wir von der mehr als umfangreichen Speisekarte unser Abendbrot: Zu amtlichen Preisen gibt es zweimal Wild mit Knödeln für die Herren, und einmal Pilzrisotto für den Vegetarier. Was wir noch nicht wissen ist, dass uns eine entsagungsreiche Nacht erwartet – das köstliche und reichhaltige Mahl stellt hierzu einen eindeutigen Kontrast dar.

       

    Die untergehende Sonne erinnert uns daran, dass wir heute noch ein paar Kilometer zurücklegen sollten. Wir füllen im Restaurant noch schnell unsere Wasserflaschen auf, dann setzen wir den Aufstieg mit ebenfalls sehr gut gefüllten Mägen weiter fort. Nach dem Essen soll man ruhen, oder 1000 Schritte tun sagt man ja – ruhen würde auf jeden Fall eindeutig leichter fallen. Dennoch schafft unsere verschworene Seilschaft noch einige Kilometer, und gegen 23 Uhr erreichen wir das Gipfelplateau des Erbeskopfes. Dieses wurde letztes Jahr für über 800.000 € neu gestaltet. Viele der militärisch genutzten Einrichtungen sind einem Skulpturenpark gewichen. Lediglich eine Radaranlage ist verblieben, das monotone Brummen der Lüftungsanlage sorgt allerdings für eine beachtliche Geräuschkulisse, wie man sie aus Endzeitfilmen kennen könnte. Da dieser Science Fiction Sound unser Naturerlebnis doch erheblich stört, ziehen wir es vor, unser Lager etwa 300m entfernt, auf der anderen Seite des Gipfels aufzuschlagen. Unter den Trägern einer postmodernen Stahlkonstruktion mit dem Titel „Dialog“ des Bildhauers Martin Schöneich findet jeder von uns ein gemütliches Plätzchen, vor allem weil das Kunstwerk von feinem weißen Schotter umgeben ist. Selbst die Prinzessin auf der Erbse dürfte den vorhandenen Liegekomfort mit der maximalen Punktzahl bewerten.

    Nachdem wir uns eingerichtet haben, erzählen wir uns noch die eine oder andere Gutenachtgeschichte, Rene fragt noch “Was wird morgen sein” und schon schlafen alle zufrieden ein. Leider werden wir dann mitten in der Nacht unsanft von einem Schauer geweckt – es ist Zeit der modernen Kunst den Rücken zu kehren und einen besseren Zufluchtsort aufzusuchen. Zum Glück haben wir uns für diesen Fall schon vorher den dreistöckigen Aussichtsturm des Erbeskopfes ausgeguckt. Schnell wird alles eingepackt, und wir wanken schlaftrunken zu dem Bauwerk. Zwar sind wir dort wieder dem Lärm der Turbinen ausgesetzt, aber wenigstens ist es dort überdacht und somit trocken. Außerdem bietet der Turm die einzige Gelegenheit zu einem Panoramablick über den Hunsrück. Die nächtlichen Schauer sind dann teilweise so stark, dass wir unsere Schlafplätze auf dem eigentlich gut geschützten Holzboden im dritten Stock mehrfach verlegen müssen – es regnet rein, und das ist auf Dauer etwas unangenehm.

    Morgens zeigt sich dann der Himmel in verschiedensten Nuancen von grau, zumindest aber ist es trocken. Etwas träge beginnen wir uns für den etwa 20km langen Weg nach Idar-Oberstein zu stylen. Nicht ohne Stolz präsentiert  Rene dabei jeweils eine eindrucksvolle Blase unter seinen Füßen. Wir zollen entsprechend Respekt, allerdings müssen die Dinger weg – Fingernagel und Gürtelschnalle öffnen die Schleusen für gefühlte mehrere 100ml Flüssigkeit. Die neuen Sneakers haben ihren Tribut eingefordert. Nach dem operativen Eingriff nehmen wir dann bei Tageslicht den Gipfel in Augenschein. Beindruckend ist vor allem die begehbare Klangskulptur mit dem Namen „Windklang 816 M“. In der Werkbeschreibung heißt es:

     “Diese Skulptur, die durch den Bildhauer C. Mancke entworfen wurde, inszeniert in eindrucksvoller Weise, das Zusammenspiel von Natur und den Elementen. Tonnen von Stahl, anmutend verpackt in ein Holzkleid, inmitten der traumhaften Hunsrücklandschaft, kreieren ihre eigene Musik und geben dem Besucher, auf seinem Gang über den Steg durch die Skulptur, bis hin zum Aussichtspunkt die Möglichkeit, die Landschaft aus neuen Perspektiven zu erleben und zu empfinden. Hierbei sind der Phantasie des Besuchers keine Grenzen gesetzt. Jedes Wetter spielt hierbei seinen eigenen ‘Song’ so dass sich ein Besuch bei jeder Wetterlage lohnt.
Betrachten Sie den Hunsrück vom höchsten Berg in Rheinland-Pfalz mit der Natur und den Elementen als Orchester.”

    Wir kommen der freundlichen Aufforderung nach, sind entsprechend beeindruckt und erstellen das ein oder andere Foto. Dann machen wir uns dann auf den Rückweg. Dieser soll beschwerlich werden – nicht alle werden das Ziel wie geplant erreichen. Im Fernsehen würde nach einer solchen Ankündigung eine Werbeunterbrechung erfolgen – hier nicht, aber wenn wir schon dabei sind, besuchen Sie doch einmal diese Seite.

       

    Nach den Verbrauchertipps geht es dann weiter – nutze den Tag, bevor er zu Ende geht lautet das Motto. Wie sich relativ schnell herausstellt, war das Aufstechen der Blasen unter den Füßen von Rene zwar interessant anzusehen, besonders großen therapeutischen Nutzen hat es allerdings nicht gebracht. Jeder Schritt schmerzt ihm sichtlich, wir kommen nur sehr langsam voran. Es ist Zeit für eine Entscheidung, denn so werden die noch ausstehenden ca. 15 Kilometer zur Qual. Wie aus dem Nichts entdecken wir am Wegesrand ein Hinweisschild das Erlösung verspricht – Fun & Joy, 300m steht dort in großen, bunten Lettern geschrieben. Wir gehen entlang der kaum befahrenen Bundesstraße, und gelangen an den Parkplatz des versprochenen Etablissements, bei dem es sich um ein/en „Pärchenclub und Erotikhotel“ handelt. Vor dem Gebäude stehen etwa 30 PKW und warten auf ihre Besitzer, die sich noch schlafend von der wilden Party der letzten Nacht erholen. Rene lässt sich derweil per Auskunft die Nummern von ein paar regionalen Taxiunternehmen geben. Der notwendige Anruf gestaltet sich für alle Beteiligten relativ unterhaltsam, gilt es doch, sich direkt vor dem Swingerclub einsammeln zu lassen. Dann heißt es warten. Nach mehr als 45min ist die Roswitha, so lautet der Name der Taxifahrerin, wie wir durch mehrere Telefonate inzwischen wissen, immer noch nicht da. Leider müssen Thomas und ich so langsam weiter und wir überlassen Rene seinem Schicksal. Das klingt hart, aber es ist ja bekannt, dass es bei Abenteuerexpeditionen im Extrembereich knallhart zugeht!

    Nach einer herzlichen Verabschiedung setzen wir unseren Marsch fort, während Rene sich auf seinen Rucksack direkt an die Straße setzt. Auf bald, wir sehen uns (wenn das Ganze hier gut ausgeht…)auf Deiner Lesung in Hamburg.

    Der Rest des Rückwegs ist schnell erzählt, im schönen Allenbach besuchen wir ein Volksfest. Hier intoniert ein etwa 20 köpfiger Posaunenchor für etwa 10 Besucher ein Medley aus Hits wie „Der Lenz ist da“ oder „Ein Freund ein guter Freund“ . Untermalt von solchen Klängen schmecken Bratwurst und Cola besonders gut.

    Am frühen Nachmittag sind wir dann froh in Idar-Oberstein anzukommen, dort erreicht uns auch die Nachricht dass Rene von Roswitha sicher eskortiert wurde, und wohlbehalten zurück in die Zivilisation gelangt ist. Ende gut alles gut, auch unsere Rückfahrt verläuft dann gewohnt ereignisarm, nette Gespräche verkürzen die Fahrtzeit erheblich.

    Soviel zu den Ereignissen zu unseren Gipfeln elf und zwölf. In zwei Wochen versuchen wir uns dann am Großen Beerberg in Thüringen. Bericht folgt –selbe Zeit, selber Ort.

                   


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  7. Juli 29, 2012 by oliver

    Gipfel #10: Hessen

    Nach unserer Sommerpause ging es am Wochenende zur mittlerweile zehnten Station auf unserer “Tournee” in die Rhön. Hier steht mit der 950m hohen Wasserkuppe der höchste Gipfel von Hessen.

    Wir haben uns ja mittlerweile angewöhnt, einige Basics in Vorbereitung auf die jeweilige Region zu erfüllen. Hierzu gehört natürlich auch das Studium des Wetterberichtes. Bei www.wetter.com erhält man eine besonders schöne Auswahl an verschiedenen Wetterszenarien: Donnerstagabend ist die Prognose des Seitenbetriebers für die Rhön noch eindeutig, weniger als 20% Regenwahrscheinlichkeit verleiten dazu, auf das immense Gewicht von Regenjacke und Wechselsocken zu verzichten.

    Leider stellt sich die meteorologische Situation schon am Freitag etwas anders dar, besonders die Nacht verspricht laut besagter Website ein wenig ungemütlich zu werden. Wir verständigen uns hierzu per SMS, sind aber einstimmig der Meinung uns der Herausforderung trotz dieser Widrigkeit mannhaft stellen zu wollen. Außerdem zeigt die Erfahrung, dass die Niederschläge häufig weniger stark ausfallen oder auch ganz ausbleiben…

    Weil die Fernzüge an Freitagnachmittagen häufig sehr gut gefüllt sind, haben wir uns diesmal einen Trick überlegt – einer steigt bereits ab Dammtor zu. So kann man einige Handtücher in guter alter Tradition über die schönsten Plätze werfen. Das klappt hervorragend, nur dauert es so einige Zeit bis wir schließlich zueinander finden.

    Unsere Fahrt geht zunächst bis Fulda, dort kommen wir dann gegen neun Uhr an. Nach der obligatorischen Stärkung mit einer großen Portion Pommes für nur 1,20 € fahren wir mit dem Regionalzug der Hessischen Landesbahn weiter Richtung Gersfeld.

    Das Wagenmaterial der HLB ist topmodern. Im Inneren befinden sich sogar an jedem Platz Steckdosen für Gameboy, Discman und Co. Allerdings macht das Schienenfahrzeug vom Typ “Desiro” Geräusche wie man sie von einem Zimmer auf der Intensivstation kennen könnte. Am besten ist das Zisch- und Schnarrgeräusch zum Öffnen und Schließen der Türen. Das wird nämlich von einem ziemlich penetranten Signalton begleitet. Wenigstens schlafen wir so nicht versehentlich ein, und können auf der halbstündigen Fahrt das schöne Panorama der Gegend in voller Pracht würdigen.

    Als wir dann in Gersfeld angelangt sind, ist es bereits ziemlich dunkel, was uns allerdings nicht davon abhält, unverzüglich mit unseren Marsch Richtung Norden zu beginnen. Der Ort ist ziemlich menschenleer, auch die wenigen Kneipen sind kaum gefüllt. Lediglich in einem Haus ist Partytime- dort wird in voller Lautstärke der Radetzky-Marsch, einigen evtl. besser bekannt als “das Bonduelle-Lied”, gespielt  – und teilweise sogar lautstark mitgesungen. Hier geht was!

    Wir nutzen die Marschmusik entsprechend ihrer originären Bestimmung zum Marschieren, und gelangen schnell außerhalb des Ortes. Nach einigen Kilometern entscheiden wir uns die Schlafenszeit einzuläuten. Wir beziehen hierzu Quartier in einer Schutzhütte am Rande des Wanderweges. Das Häuschen ist perfekt als Niederschlagsschutz für bis zu vier Personen geeignet – wenn diese nebeneinander stehen. Zum Schlafen ist es etwas eng, doch da es entgegen aller Prognosen nicht regnet, beschließen wir, dass einer von uns vor der Hütte seine Isomatte ausrollt. Ich werde hierfür als Freiwilliger bestimmt, Thomas richtet sich innerhalb der drei Holzwände mit unserem Gepäck ein. Tee gibts diesmal keinen, der hierfür notwendige Kocher wollte wohl lieber bei seinen Kumpels Regenjacke und Wechselsocken bleiben.

    Es ist mittlerweile fast Mitternacht, die weithin sichtbaren Sterne und eine beinahe Windstille bestärken uns in der Hoffnung auf eine ruhige und vor allem regenlose Nacht vor dem Gipfelsturm. Wir schlafen beide schnell ein. Irgendwann wache ich dann auf, weil ich während einer Drehung meine Nase in irgendein feuchtes und schleimiges Objekt gesteckt habe. Mit Hilfe meiner Stirnlampe verschaffe ich mir schnell einen Überblick über die Situation, es handelt sich um eine etwa 5cm lange braune Nacktschnecke,  bzw. um ganz präzise zu sein, um Arion subfuscus, die Hellbraune Wegschnecke[. Ich hege keinen Groll gegen das Tier, vor allem weil ich respektiere, dass wir uns hier in seinem angestammten Lebensraum aufhalten und eigentlich nur Eindringlinge mit Riesenrucksäcken und stinkenden Socken sind. Darum befördere ich den ungebeten Besucher unter Zurhilfenahme eines großen Löwenzahnblattes sanft in die uns umgebende Wiese. Hiernach schlafe ich mit guten Gewissen schnell und friedlich wieder ein.

    Später wache ich erneut auf, diesmal weil entweder ein alter Bekannter oder einer seiner Artgenossen auf meiner Wange sitzt. Das ist etwas unangenehm, vor allem weil der sich der Schleim wie Kleister über die Poren legt. Ich gebe zu, dass ich ein etwas lauteres Geräusch des Unmutes ausstoße. Folge hiervon ist erstens, dass eine Kuh in der Nähe laut zu schreien (nicht zu muhen – eher ein schmerzverzerrtes Röcheln) beginnt, und zweitens auch Thomas wach wird. Der wird dann Zeuge davon, wie ich mir Schnecke und Schleim aus dem Gesicht entferne. Im Anschluss hieran lege ich mich dann an das Kopfende, weil ich in meiner Eigenschaft als selbsternannter Schneckenfachmann annehme, ein Hindernis auf einer Art Schneckenautobahn darzustellen.

    Beim Biwakieren baue ich mir immer eine Art Kopfkissen aus Schlafsackhülle und Kleidungsstücken. So auch diesmal, und jetzt freue mich nach der 180 Grad-Drehung mein Haupt hierauf zu betten und den Rest der Nacht ungestört zu verbringen. Leider, und an dieser Stelle wird es jetzt wirklich etwas unschön, presse ich meine Wange dabei an den Körper einer weiteren Schnecke. Die wird hierbei zumindest beschädigt, was zu einer nicht unerheblichen Melange aus Schleim und sonstigem Kram an meiner Backe führt. Da mir dies nur bedingt gefällt, schreie und fluche ich ein wenig in der Gegend herum. Nachdem mich dann Thomas freundlicherweise darauf hinweist, das dies an meiner Situation nichts ändert, und darüber hinaus auch ein wenig würdelos ist, beruhige ich mich, und reinige mir mit feuchten Gräsern und Blättern so gut es geht das Gesicht. Für den Rest der dann relativ kurzen Nacht verbarrikadiert sich der Naturbursche dann hinter den Kapuzen von Pullover, Schlaf- und Biwaksack, und verbucht die Ereignisse als beinahe kafkaeske Anekdote.

    Übrigens merkt man an dieser Stelle, dass wir abenteuermäßig noch einiges lernen müssen: Rüdiger Rehberg zum Beispiel hätte die nächtlichen Besucher als verspätetes Abendbrot oder gar Frühstück direkt ans Bett begrüßt!

    Zum Aufstehen am Samstagmorgen setzt dann “endlich” auch der versprochene Regen ein. An dieser Stelle möchte ich meinem Freund Thomas von Herzen danken, denn er stellt mir großzügig seine Regenjacke zur Verfügung. Das Tragen dieses hochfunktionalen Kleidungsstückes soll für den Rest des Tages unerlässlich bleiben.

    Entlang menschenleerer Wege, die von farbenprächtigen Feldern mit braunen Kakaokühen drauf gesäumt werden, gelangen wir schnell zum scheinbar verlassenen Gipfel der Wasserkuppe. Hierauf befindet sich eine Radarstation, die zur Zeit des Kalten Krieges noch von der Bundeswehr betrieben wurde. Heute kann man im “Radom” u.a. Infotainment und Fernsicht für nur 2€ genießen Während wir uns noch nach einem Gipfelkreuz umsehen, geht ein heftiger Schauer nieder. Dieser zwingt uns dazu, mehr schlecht als recht Unterschlupf im Eingangsbereich des Radoms zu suchen. Wie wir während unserer Zwangspause quasi nebenbei lernen, stammt der Name Wasserkuppe nicht daher, dass es hier so besonders niederschlagsreich ist und mehr als 30 Bäche von der Wasserkuppe entspringen. Namenstiftend ist vielmehr das mitteldeutsche Wort „Wass“, und das bedeutet so viel wie Weideplatz.

    Soviel zum Bildungsprogramm, nachdem der Regen dann etwas nachgelassen hat, umrunden wir schnell das Gebäude und sehen uns nach einer guten Gelegenheit für ein vorzeigbares Gipfelfoto um. Doch leider ist alles grau und die Fernsicht gleich null, in dieser Suppe verlieren wir sogar kurzzeitig die Orientierung. Das Foto, das wir dann auf Rücksicht auf die sensible Technik binnen Sekunden quasi im Vorbeigehen erstellen, bringt durch die spontane Komposition und relative Unschärfe auf jeden Fall Authentizität zum Ausdruck.

    Nach etwa einer Stunde strammen Marsches können wir dann zum Glück in der “Enzianhütte” einkehren.  Als verspätetes Frühstück werden uns heißer Kaffee, Brezeln und Zwiebelkuchen angeboten. Nach dem fürstlichen Mahl steht eine Entscheidung an: Der Regen hat kaum nachgelassen, die Prognose des Wirtes verheißt auch kaum Besserung. Auf noch mehr Regen haben wir keinen Bock mehr, den gibt es in Hamburg auch, aber da kann man dann Galao trinken- außerdem tut mein Knie weh. Da Tagesziel ist erreicht, genug Grenzgang für diese Wochenende, wir beschließen umzukehren. “Können ja noch mal wieder kommen…”Nach dem Gipfelsieg starten wir dann Richtung Milseburg.  Hier soll man die Rhön in all ihrer Pracht bewundern können. Der Weg in das gelobte Land führt uns hinab von der Wasserkuppe, und ist auf jeden Fall sehr rutschig. Mehr als einmal sind wir kurz davor einen Teil des Abstieges auf dem Hosenboden zurückzulegen!

    Der Rückweg nach Gersfeld, bei dem uns wie gewohnt Google Maps leitet, führt über einen kleinen Bach. Leider fehlt eine Brücke, so dass wir das Gewässer mit einem mutigen Sprung überqueren müssen. Hierbei geht leider ein Teil der Ausrüstung verloren. Wenigstens bleiben wir gesund und erreichen am frühen Nachmittag den Bahnhof um die ereignislose Fahrt nach Hause zu starten. Ach so, der Regen hat mittlerweile aufgehört – und als wir abends die Elbbrücken überqueren lacht uns von einem beinahe wolkenlosen Himmel die Sonne aus, bzw. an.

    In zwei Wochen geht es weiter, dann in Begleitung eines Nomaden und Comedian in Personalunion – mehr wird erstmal nicht verraten!

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  8. Juni 24, 2012 by oliver

    Gipfel #9: Nordrhein-Westfalen

    Vor der Sommerpause (sorry, ihr knapp130 Facebookfans) sind wir an diesem Samstag auf dem Weg zum neunten Gipfel unserer Tour. Ziel des heutigen Tagesausfluges ist der höchste Punkt von Nordrhein-Westfalen, der 843m hohe Langenberg. Dieser befindet sich im Hochsauerland, 15m entfernt von der Landesgrenze zu Hessen.

    Nachdem wir uns wir uns am Vorabend etwas früher aus einer Geburtstagsgesellschaft ausgeklinkt haben, treffen wir uns in beinahe alter Frische um 7:46 am Gleis14 zur Fahrt nach Willingen. Gut drei Stunden Fahrtzeit vergehen, dann geniessen wir beim Umstieg in Hagen zarten Sonnenschein und Ruhrpottatmosphäre. Verrostete Schienen und Industrieruinen an beiden Seiten des Bahnhofes erinnern an vergangene Zeiten.

    Beim Erwerb von Kaffe und Gebäck (Freundschaftsherzen) dürfen wir auch noch was lernen: Ein Einheimischer (der aufgrund seiner Bahnermütze auch als Bahnhofsvorsteher fungieren könnte) bestellt nämlich im besten Ruhrpottslang afrikanischen Kaffee. Da es sich hier um einen kleinen Bahnhofskiosk handelt, sind wir sehr erstaunt über das breite Angebot, selbst Starbucks hält diesen Kaffee nicht vor und wir rätseln, was jetzt über den Tresen gereicht werden wird. Die Verkäuferin rätselt übrigens genau so, weshalb sie auch nachfragen muss. Afrikanischer Kaffee, so stellt sich dann heraus, ist natürlich Kaffee Togo!

    Nach dieser Lektion erreichen Thomas und ich gegen Mittag das Rothaargebirge. Die Fahrt verging übrigens wie im Flug, denn zwei weibliche Erstsemester unterhielten uns und den Rest des Großraumabteils mit ihrer angeregten Plauderei. Die Beiden werden auf jeden Fall die Welt verändern, jede Wette – diesmal bestimmt!. Beim Ausstieg aus der Regionalbahn begegnen wir dann der ersten Gruppe Junggesellabschied feiernder Männer. Begegnungen dieser Art sollen heute noch zahlreiche weitere folgen. Wir kaufen weder Schnaps, noch Tennisbälle oder Pornospielkarten, geben dem Bräutigam in spe aber trotzdem gerne einen Euro aus der Reisekasse. So freundlich gestimmt, erklärt er sich gern für das Posieren zu beigefügter Abbildung bereit. Wir wollen auch gern ein gemeinsames Foto mit dem jungen Mann ins Portfolio nehmen, doch die professionelle Kameraausrüstung und unserer forsches Auftreten verunsichern den Guten wohl, er gibt sich eher schüchtern.

    Vom Bahnhof aus geht es dann schnurstracks gen Gipfel. Wie immer habe ich die Wegbeschreibung ausgedruckt, nach fünf Minuten verlassen wir uns dann ebenfalls wie immer auf die Navigation per iphone. Wir sind es ja gewohnt, von eher verschlafen anmutenden Ortschaften aus zum Gipfelsturm aufbrechen. In Willigen ist alles anders! Zahlreiche Jugendliche, Jungerwachsen und Junggebliebene tummeln sich in den Strassen  innerhalb von 15 Minuten begegnen  wir z.B. wieder drei Junggesellenabschiedsgesellschaften (2x männlich, 1x weiblich). Bei dieser Gelegenheit drängt sich dem Soziologen in mir folgende Frage auf: Ist es sozusagen verbrieft, dass der Jungesellenabschied in einer geschlechtlich homogenen Gruppe zu erfolgen hat? Platonische Freundschaft über Geschlechtergrenzen hinweg wird so ja faktisch ausgeschlossen. Ist dies noch zeitgemäß?

    Wie dem auch sei, wir beginnen entlang von Seilbahnen, Gondeln und Kühen unseren Aufstieg.  Bei den Rindviechern handelt es sich übrigens um “Schwarzbunte”, was in Kombination mit den Sesselliften und Almen für uns Nordlichter ein sehr ungewohntes Bild ist – wir hätten braune Kakaokühe als Teil der Komposition erwartet. Trotz leichter Verunsicherung kommen wir gut voran, auch unsere spontane Abmachung, bei der Überquerung von Flüssen die Benutzung von Brücken auszuschließen, führt kaum zu Verzögerung.

    Auch in mittlerweile über 600 Meter Höhe sind wir keinesfalls allein am Berg. Von “Ausgesetzt sein” keine Rede.Zahlreiche niederländische Läufergruppen in einheitlichen Trikots  bevölkern die Aufstiegsroute. Im interkulturellen Dialog bringen wir in Erfahrung, dass es sich um ein Seminar zur Teamentwicklung im über 800 Mitarbeiter starken Unternehmens handelt. Die Kolleginnen und Kollegen absolvieren ihre Übungen teilweise mit viel Geschrei, die Ruhe des Waldes wird hierbei empfindlich gestört. Wir sind darum froh, das uns Google auf einen nicht mehr genutzten Weg leitet. Hier müssen wir uns zwar durch das Gehölz kämpfen und mit Zeckenbissen rechnen, können uns dafür aber wenigsten auch miteinander unterhalten.

    Allerdings ist der Aufstieg entlang des völlig zugewachsen Pfades recht anstrengend, weshalb wir ins Schwitzen geraten. Dies könnte der Grund dafür sein, dass wir selbst hin dieser relativen Abgeschiedenheit schnell Gesellschaft kriegen. Diesmal hat es Freundin Fauna besonders gut mit uns gemeint  – die nächste halbe Stunde umschwirren uns mehrere Fliegen-schwärme. Gutes Zureden, mit den Armen herumfuchteln oder kur Sprints, nichts hilft.  Wir werden die Viecher nicht los!  Zum Glück befinden wir uns  jetzt sozusagen auf dem Gipfelplateau. Hier ist der Baumbestand recht niedrig, und gegen den Wind kommen unsere mutmaßlich blutsaugenden Begleiter schließlich nicht mehr an.

    Auf dem höchsten Punkt von Nordrhein-Westfalen angelangt,  erwartet uns ein riesengroßes Gipfelkreuz, inklusive Gipfelbuch. Fernsicht ist leider nicht vorhanden, weshalb es nach der Absolvierung der bekannten Prozedur  schnell wieder an den Abstieg geht. Diesmal entlang eines anderen Weges, was sich als Glückstreffer erweist, da wir nun tatsächlich kaum anderen Bergsteigern begegnen.

    Die knapp sechs Kilometer sind allerdings schnell abgerissen. Zurück im Ort kehren wir in einem American Diner am Bahnhof ein. Hier stärken wir uns mit Pommes und Hamburgern (50% des Teams wählen die vegetarische Variante) für die Rückfahrt. Der Laden selbst füllt sich zusehends, schnell ist die Stimmung mit der vom Mc Donalds am Kiez an einem Freitag oder Samstag Abend zu vergleichen. Wobei – hier in Willigen sieht man bereits gegen vier Uhr nachmittags nackte Männer durch denn Kreisverkehr laufen (stimmt wirklich, nur zum Fotografieren sind wir nicht gekommen)!

    Es ist also Zeit loszufahren, der nächste Zug geht allerdings erst in knapp einer Stunde. So besteht noch Gelegenheit  den Ort und seine Geheimnisse  zu erkunden. Es folgen zahllose Begegnungen mit Betrunkenen und solchen die es werden wollen. In Willigen, so stellt sich heraus, sorgt an den Wochenenden sogar ein privater Sicherheitsdienst für Ordnung. Bemerkenswert erscheint uns auch, dass mehrere Feiernde sehr bestimmt versuchen Autofahrer zum Autokorso zu ermuntern.

    Das Länderspiel zwischen Deutschland und Griechenland fand allerdings bereits am Vorabend statt, weshalb die Insassen der ganzen Aktion eher ablehnend gegenüberstehen. In einem von mehreren Gesprächen mit den Passanten (nicht immer funktionierte die Kommunikation reibungslos) erfahren wir, dass Willingen die Partyhochburg des Sauerlandes ist. Für Leute, die etwas erleben wollen, ist es die Topadresse! Und es gibt einiges zu sehen: Bis nachmittags kehrt man z. B. in Siggis Hüte ein, dort gibt es neben einem breiten Angebot an Alkohol als Highlight Erbsensuppe, die in Biergläsern serviert wird. Wir müssen nun aber wirklich los, nächstes Mal bestimmt!

    Am Bahnhof, in dessen Wartehalle natürlich eine Art Theke integriert ist, überrascht es dann auch nicht, dass aus den ankommenden Zug gleich mehrere Gruppen in gleichfarbiger Kleidung und mit Bollerwagen ausgerüstet aussteigen. Sofort werden Radiergummis in Penisform, Underberg und Feuerzeuge offeriert. Die Verstärkung ist da! Sie scheint auch nötig, denn einige der Wartenden am Bahnsteig berichten uns von ihrer nunmehr vierzig Stunden andauernden Party.

    Die Rückfahrt ist schnell erzählt, wir absolvieren längere Aufenthalte in Korbach und Kassel. Die Wartezeit vertreiben wir mit freundlichen Gesprächen und Besuchen verschiedener Gastronomiebetriebe. Zurück am Hauptbahnhof in Hamburg erinnern uns dann Bierdunst und vereinzelte Bauchläden mit einschlägigem Sortiment an unsere wilde Zeit in Willigen, dem El Arenal des Sauerlandes.

     


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  9. Juni 14, 2012 by oliver

    Gipfel #7/8: Sachsen-Anhalt / Niedersachsen

    Für dieses Wochenende haben wir ja, wie angekündigt, die “Doppelüberschreitung” Saarland/Rheinland Pfalz geplant. Zur Feierabendzeit am Hauptbahnhof angekommen stellen wir dann allerdings fest, dass der Zug Richtung Frankfurt am Main zunächst 10, dann 20 und später 40 Minuten “betriebsbedingte” Verspätung hat. Man braucht kein Mathegenie zu sein, um zu erkennen, dass wir bei einer Umsteigezeit von 20 Minuten in der Finanzmetropole unseren Anschluss Richtung Saarland verpassen werden.

    Wir verspüren nicht viel Lust die Nacht im Frankfurter Bahnhofsviertel zu verbringen, darum entscheiden wir uns spontan einen der anderen noch verbleibenden 16 Gipfel in Angriff zu nehmen. Wir nehmen also einfach den nächsten Zug gen Süden, und nach einer kurzen Phase der Unentschlossenheit steht das Ziel fest: Es geht in den Harz. Hier ruft der z.B. der Brocken als höchster Gipfel von Sachsen-Anhalt (1141m). Seinen südlichen Nachbarn, den Wurmberg mit 971 m Niedersachsens höchster Punkt, wollen wir entsprechend unseres nachhaltigen Ansatzes gleich mitnehmen.

    Da wir für die neue Planung kein passendes Kartenmaterial dabei haben, kontaktieren wir noch schnell Frank S., seines Zeichens Wanderbruder und Eigentümer einer formschönen Wanderkarte für den Harz. Dieser gibt uns in Hannover beste Wünsche und die benötigte Karte mit auf den Weg. Nun einigermaßen gut ausgerüstet, erreichen wir gegen halb 11 abends Ilsenburg im Ostharz. Entlang der Straßen des beinahe schon schlafenden Ortes machen wir uns auf Richtung Brocken. Wir kommen in den Wald, und wie aus dem Studium einschlägiger Märchenbücher bekannt, ist es dort nachts recht dunkel und auch ziemlich kalt. Zunächst noch mittelblau, verändert sich die Farbe der Umgebung schnell über dunkelblau zu tiefschwarz. Man sieht die Hand vor Augen nicht mehr!

    Wir haben zum Glück eine Stirnlampe dabei und können das Nötigste erkennen. Abgesehen vom Geheul der Wölfe und dem ein oder anderem Zombie am Wegesrand präsentiert sich der Wald friedlich und wir gelangen zu einer recht komfortablen Schutzhütte, auf deren Boden wir die Nacht verbringen werden. In guter ostfriesischer Tradition kochen wir noch einen Tee und legen uns dann zur Ruhe, während nebenan die Ilse friedlich vor sich hin plätschert.

    Nach kurzer, aber doch erholsamer Nacht geht es dann morgens um sechs weiter Richtung Brocken. Wir entscheiden uns für den nicht ganz so steilen Aufstieg über den Heinrich-Heine-Weg. Im Vergleich zu unserem letzten Gipfel in Mäc-Pomm, der ja kaum 200m hoch ist, haben wir jetzt mehr als die fünffache Höhe zu bewältigen – um ehrlich zu sein ist der Brocken ja der erste “richtige” Berg unserer Tour. Trotz dieser ungewohnten Belastung sind wir bereits um acht Uhr auf dem bekannt zugigen Brockenplateau. Wegen des relativ starken Windes fallen Gipfelfreude und Fotosession diesmal recht leidenschaftslos aus, wichtiger ist uns ohnehin schnell an ein leckeres Frühstück zu gelangen. Doch leider sind noch alle Möglichkeiten zum Einkehren fest verrammelt, wir müssen uns also noch eine Stunde gedulden, bis wir mit der Einnahme von überteuerten, mit Käse und Salami belegten Aufbackbrötchen und Müller Milchreis (Schoko) beginnen können. Der Fairness halber muss man auch zugeben, dass die geschmackvolle Dekoration an den Wänden der Lokalität eigentlich jeden Preis rechtfertigt.

    Nach der Stärkung, und mit dem Selbstbewusstsein frisch gebackener Gipfelsieger ausgestattet, starten wir dann Richtung Wurmberg. Der stellt für uns gebürtige Niedersachsen neben dem Hamburger Hasselbrack ja sozusagen ein zweites Heimspiel dar. Mittlerweile hat sich auch die Sonne raus getraut und trocknet unsere verschwitzen T-Shirts, die wie Trophäen verwegen an unseren Rücksäcken baumeln.

    Während uns jetzt die ersten Wanderer entgegenkommen, sind wir schon wieder mit dem Abstieg, bzw. einem zweiten Aufstieg beschäftigt. In der Höhe des Brockenbahnhofes kommt uns übrigens eine leibhaftige Legende entgegen, der 80jährige “Brocken-Benno”, der heute seinen 6680ten Brockenaufstieg absolviert (http://www.brocken-benno.de/). Ehrfurchtsvoll lassen wir ihn passieren, für Fotos oder gar ein Gespräch bleibt leider keine Zeit.

    Wir gelangen über einen ehemaligen Grenzweg zügig in die Nähe des Wurmberges, wo wir erneut einkehren um eine Gulaschsuppe und einen Snickers zu erwerben. Die nochmalige Stärkung weckt die notwendigen Kräfte, und wir kommen entlang der Skisprungschanze noch vor Mittag auf den Gipfel des Wurmberges. Hier begrüßt uns der für die Harzgipfel so typische Geruch von Frittierfett, was Thomas und mich zum dritten Einkehren an diesem Tage animiert. Diesmal gibt es vorzügliche Pommes und eiskalte Cola, die wir gekonnt direkt vor der Gipfeltafel des Berges verzehren.

    Im Anschluss hieran starten wir dann den Rückweg über Schierke nach Wernigerode. Entlang einiger wirklich schöner Passagen durch den Wald, und begleitet von den Geräuschen der Brockenbahn, kommen wir am späten Nachmittag in Wernigerode an. Dort herrscht Volksfeststimmung, denn in der Abstellanlage sind zahlreiche  Bahnfahrzeuge verschiedenster Bauart zu sehen. Noch zahlreicher ist nur die Häufigkeit mit Thüringer Rostbratwurst ausgerüsteter Bahnfans im Gleisbereich, die das bunte Treiben mit ihren Kameras festhalten. Die Gespräche dieser Menschen, die ich ganz respektvoll als Bahn-Nerds bezeichnen möchte, drehen sich um allerlei technische Details. Unser Bahnwissen beschränkt sich lediglich auf An- und Abfahrtszeiten – es ist an der Zeit aufzubrechen.

    Über Hannover erreichen wir das samstagabendliche  Hamburg. Am Bahnhof ist ungewohnt wenig los, kaum Jungesellenabschiede, keine Emo-Jugendlichen, und dennoch liegt eine gewisse Spannung in der Luft. Woran liegt dies? Ist Ausverkauf bei Schlecker, läuft die letzte Folge von Grey’s Anatomy oder findet heute irgend ein anderes bedeutendes Ereignis statt? Der Blick auf einen der Monitore am Bahnsteig gibt Auskunft: Fußball EM – Deutschland gegen Portugal. Noch steht es 0:0, wir sind rechtzeitig zur zweiten Halbzeit zu Hause.

    In zwei Wochen geht es weiter. Zur Überbrückung der Wartezeit gibt es bei Facebook ein Gewinnspiel.


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  10. Mai 23, 2012 by oliver

    Gipfel #6: Mecklenburg Vorpommern

    Wir befinden uns auf der Fahrt von Strasburg nach Lübeck. Draussen ist es fast 30 Grad warm, Thomas pennt, und ich versuche mich am vorliegenden Reisebericht. Heutiges Tourziel ist der Helpter Berg, mit 179 m Mecklenburg Vorpommerns höchster Gipfel. Dieser liegt 3km südlich von der Ortschaft Helpt – ungefähr 30km vor der polnischen Grenze.

    Allein die Fahrt dorthin dauerte länger als Auf- und Abstieg zusammen. Wie hat neulich noch einer unserer zahlreichen Facebook Fans bemerkt “Was für eine Zeitverschwendung”. Ich werfe 5 Euro ins Phrasenschwein und merke an “Der Weg ist das Ziel”.

    Jedenfalls sind wir so früh unterwegs, dass wir im Zug nach Lübeck noch auf einige gut gelaunte Partypeople treffen. Bereits in der S-Bahn konnte man die spannende Mischung aus frisch geduscht und verfeiert bestaunen. Für einige beginnt der Tag gerade erst, während dieser für andere gerade endet, auch wenn sie dies häufig noch nicht ganz wahrhaben wollen.

    Ab Lübeck geht es gemütliche 3 1/2 Stunden Richtung Stettin. Wir passieren historisch bedeutsame Orte wie Mölln und Bad Kleinen, und es wird teilweise polnisch gesprochen. Kurz vor unserem Ziel, dem Hauptbahnhof von Oertzenhof, können wir dank unseres fotographischen Gedächtnisses bereits die Helpter Berge ausmachen, befindet sich hier doch weithin sichtbar ein formschöner Fernsehturm.

    Wir verlassen an einem menschenleeren Bahnhof den Zug und starten nach einigen Streck- und Drehbewegungen zur Auflockerung den etwa 5km langen Marsch gen Gipfel. Der erste Einheimische der uns in der namenstiftenden Ortschaft Helpt begegnet, begrüßt uns mit einem schwer zu verstehend Satz: Irgendwas zwischen “Wer seid ihr denn” oder “wieviele seid ihr”? Er ist schwer zu verstehen, die Botschaft ist uns unklar- eindeutig ist lediglich dass es sich bei dem Mann nicht um den bekannten Talkshowliebling Richard David Precht handelt. Übrigens treffen wir den Onkel auf dem Rückweg erneut, da sagt er dann nix mehr sondern schaut nur noch keck!

    Wir kommen gut voran, erfreuen uns dabei an dem relativ naturbelassenen Mischwald und geniessen die für uns “Stadtmenschen” ungewohnte Stille. Kein Zivilistationslärm weit und breit!

    Als wir uns so etwas wie dem Gipfelgrat nähern, ist es mit der Stille vorbei, wir sind nicht die Einzigen am Berg! Darauf waren wir nicht gefasst, und ducken uns zu Beratung ins Dickicht. Wir beschliessen uns unauffällig zu verhalten, nesteln die Klamotten in den Modus “halbwegs seriös” und begeben uns zum Gipfel. Auf der von der Evangelischen Gemeinde Woldegk angebrachten Bank befindet sich eine vierköpfige Familie, die uns mit fröhlichem Gesang begrüßt. Nach einem kurzen verbalen Abtasten kommen wir überein uns sympathisch zu finden und tauschen einige Anekdoten aus.

    Nachdem sich die Vier verabschiedet haben, führen wir die Standardprozedur durch, es gibt hier mal wieder die Möglichkeit sich in einem Gipfelbuch zu verewigen (es handelt sich um einen Kasten, in dem man seine Botschaft der losen Zettelsammlung hinzufügen kann).

    Wir sind jetzt fast 6 Stunden unterwegs, da sich bisher nichts spannendes ereignet hat, beschließt Thomas spontan sich beim Erklettern einer beinahe 5m hohen Birke einige zumindest semispektakuläre Verletzungen am Arm zuzufügen. Hut ab vor soviel Einsatz für unsere Sache, auch wenn dieser langfristig unser gesamtes Vorhaben gefährden könnte.

    Nachdem die Tränen getrocknet sind, beginnen wir den Abstieg. Hier begegnen wir weiteren Abenteurern. Respektvoll nicken wir der älteren Dame und ihrem mutmaßlichem Enkel  zu, während diese sich an den Aufstieg wagen. Der Kleine macht übrigens keinen besonders motivierten Eindruck, darum nimmt ihn Oma entschlossen an die Hand. Ob er es allerdings mit dieser Einstellung bis ganz nach oben schaffen wird?

    Wie wir nur wenige Augenblicke später feststellen, haben die beiden ihre Fahrräder voller Vertrauen auf Gott und  vor allem ohne abzuschließen an einem Baum am Wegesrand abgestellt. In den Fahrkörben befinden neben Helmen und Handtüchern auch Kekse. Da unsere Vorräte mittlerweile aufgebraucht sind, ist die Versuchung groß, jedoch halten uns die Angst vor der Entdeckung und eine weitestgehend gute Erziehung von dieser Schandtat ab.

    Es geht weiter auf der bekannten Route, da wir noch ein wenig Zeit haben, können wir einige Augenblicke an einem einsamen Weiher sitzen, das Erlebte resümieren, und dabei gepflegt eine lauwarme Cola trinken – lecker!

    Nur 2 1/2 Stunden nach unserer Ankunft befinden wir uns dann im wieder im Zug. Diesmal ist er deutlich voller, es kommt beinahe zu tumultartigen Szenen, benötigen doch einige Mitreisende für sich und ihr Gepäck bis zu vier Sitze- was zu freundlichen, generationsübergreifenden  Diskussionen führt.

    Sonst verläuft die Fahrt reibungslos, in Lübeck erreichen wir den  Zug aus Travemünde und sind gegen sieben zurück in Hamburg. In zwei Wochen gehts weiter, dann werden wir zum ersten Mal einen ansatzweise amtlichen Berg besteigen, das Saarland ruft!


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