Juli, 2012

  1. Juli 29, 2012 by oliver

    Gipfel #10: Hessen

    Nach unserer Sommerpause ging es am Wochenende zur mittlerweile zehnten Station auf unserer “Tournee” in die Rhön. Hier steht mit der 950m hohen Wasserkuppe der höchste Gipfel von Hessen.

    Wir haben uns ja mittlerweile angewöhnt, einige Basics in Vorbereitung auf die jeweilige Region zu erfüllen. Hierzu gehört natürlich auch das Studium des Wetterberichtes. Bei www.wetter.com erhält man eine besonders schöne Auswahl an verschiedenen Wetterszenarien: Donnerstagabend ist die Prognose des Seitenbetriebers für die Rhön noch eindeutig, weniger als 20% Regenwahrscheinlichkeit verleiten dazu, auf das immense Gewicht von Regenjacke und Wechselsocken zu verzichten.

    Leider stellt sich die meteorologische Situation schon am Freitag etwas anders dar, besonders die Nacht verspricht laut besagter Website ein wenig ungemütlich zu werden. Wir verständigen uns hierzu per SMS, sind aber einstimmig der Meinung uns der Herausforderung trotz dieser Widrigkeit mannhaft stellen zu wollen. Außerdem zeigt die Erfahrung, dass die Niederschläge häufig weniger stark ausfallen oder auch ganz ausbleiben…

    Weil die Fernzüge an Freitagnachmittagen häufig sehr gut gefüllt sind, haben wir uns diesmal einen Trick überlegt – einer steigt bereits ab Dammtor zu. So kann man einige Handtücher in guter alter Tradition über die schönsten Plätze werfen. Das klappt hervorragend, nur dauert es so einige Zeit bis wir schließlich zueinander finden.

    Unsere Fahrt geht zunächst bis Fulda, dort kommen wir dann gegen neun Uhr an. Nach der obligatorischen Stärkung mit einer großen Portion Pommes für nur 1,20 € fahren wir mit dem Regionalzug der Hessischen Landesbahn weiter Richtung Gersfeld.

    Das Wagenmaterial der HLB ist topmodern. Im Inneren befinden sich sogar an jedem Platz Steckdosen für Gameboy, Discman und Co. Allerdings macht das Schienenfahrzeug vom Typ “Desiro” Geräusche wie man sie von einem Zimmer auf der Intensivstation kennen könnte. Am besten ist das Zisch- und Schnarrgeräusch zum Öffnen und Schließen der Türen. Das wird nämlich von einem ziemlich penetranten Signalton begleitet. Wenigstens schlafen wir so nicht versehentlich ein, und können auf der halbstündigen Fahrt das schöne Panorama der Gegend in voller Pracht würdigen.

    Als wir dann in Gersfeld angelangt sind, ist es bereits ziemlich dunkel, was uns allerdings nicht davon abhält, unverzüglich mit unseren Marsch Richtung Norden zu beginnen. Der Ort ist ziemlich menschenleer, auch die wenigen Kneipen sind kaum gefüllt. Lediglich in einem Haus ist Partytime- dort wird in voller Lautstärke der Radetzky-Marsch, einigen evtl. besser bekannt als “das Bonduelle-Lied”, gespielt  – und teilweise sogar lautstark mitgesungen. Hier geht was!

    Wir nutzen die Marschmusik entsprechend ihrer originären Bestimmung zum Marschieren, und gelangen schnell außerhalb des Ortes. Nach einigen Kilometern entscheiden wir uns die Schlafenszeit einzuläuten. Wir beziehen hierzu Quartier in einer Schutzhütte am Rande des Wanderweges. Das Häuschen ist perfekt als Niederschlagsschutz für bis zu vier Personen geeignet – wenn diese nebeneinander stehen. Zum Schlafen ist es etwas eng, doch da es entgegen aller Prognosen nicht regnet, beschließen wir, dass einer von uns vor der Hütte seine Isomatte ausrollt. Ich werde hierfür als Freiwilliger bestimmt, Thomas richtet sich innerhalb der drei Holzwände mit unserem Gepäck ein. Tee gibts diesmal keinen, der hierfür notwendige Kocher wollte wohl lieber bei seinen Kumpels Regenjacke und Wechselsocken bleiben.

    Es ist mittlerweile fast Mitternacht, die weithin sichtbaren Sterne und eine beinahe Windstille bestärken uns in der Hoffnung auf eine ruhige und vor allem regenlose Nacht vor dem Gipfelsturm. Wir schlafen beide schnell ein. Irgendwann wache ich dann auf, weil ich während einer Drehung meine Nase in irgendein feuchtes und schleimiges Objekt gesteckt habe. Mit Hilfe meiner Stirnlampe verschaffe ich mir schnell einen Überblick über die Situation, es handelt sich um eine etwa 5cm lange braune Nacktschnecke,  bzw. um ganz präzise zu sein, um Arion subfuscus, die Hellbraune Wegschnecke[. Ich hege keinen Groll gegen das Tier, vor allem weil ich respektiere, dass wir uns hier in seinem angestammten Lebensraum aufhalten und eigentlich nur Eindringlinge mit Riesenrucksäcken und stinkenden Socken sind. Darum befördere ich den ungebeten Besucher unter Zurhilfenahme eines großen Löwenzahnblattes sanft in die uns umgebende Wiese. Hiernach schlafe ich mit guten Gewissen schnell und friedlich wieder ein.

    Später wache ich erneut auf, diesmal weil entweder ein alter Bekannter oder einer seiner Artgenossen auf meiner Wange sitzt. Das ist etwas unangenehm, vor allem weil der sich der Schleim wie Kleister über die Poren legt. Ich gebe zu, dass ich ein etwas lauteres Geräusch des Unmutes ausstoße. Folge hiervon ist erstens, dass eine Kuh in der Nähe laut zu schreien (nicht zu muhen – eher ein schmerzverzerrtes Röcheln) beginnt, und zweitens auch Thomas wach wird. Der wird dann Zeuge davon, wie ich mir Schnecke und Schleim aus dem Gesicht entferne. Im Anschluss hieran lege ich mich dann an das Kopfende, weil ich in meiner Eigenschaft als selbsternannter Schneckenfachmann annehme, ein Hindernis auf einer Art Schneckenautobahn darzustellen.

    Beim Biwakieren baue ich mir immer eine Art Kopfkissen aus Schlafsackhülle und Kleidungsstücken. So auch diesmal, und jetzt freue mich nach der 180 Grad-Drehung mein Haupt hierauf zu betten und den Rest der Nacht ungestört zu verbringen. Leider, und an dieser Stelle wird es jetzt wirklich etwas unschön, presse ich meine Wange dabei an den Körper einer weiteren Schnecke. Die wird hierbei zumindest beschädigt, was zu einer nicht unerheblichen Melange aus Schleim und sonstigem Kram an meiner Backe führt. Da mir dies nur bedingt gefällt, schreie und fluche ich ein wenig in der Gegend herum. Nachdem mich dann Thomas freundlicherweise darauf hinweist, das dies an meiner Situation nichts ändert, und darüber hinaus auch ein wenig würdelos ist, beruhige ich mich, und reinige mir mit feuchten Gräsern und Blättern so gut es geht das Gesicht. Für den Rest der dann relativ kurzen Nacht verbarrikadiert sich der Naturbursche dann hinter den Kapuzen von Pullover, Schlaf- und Biwaksack, und verbucht die Ereignisse als beinahe kafkaeske Anekdote.

    Übrigens merkt man an dieser Stelle, dass wir abenteuermäßig noch einiges lernen müssen: Rüdiger Rehberg zum Beispiel hätte die nächtlichen Besucher als verspätetes Abendbrot oder gar Frühstück direkt ans Bett begrüßt!

    Zum Aufstehen am Samstagmorgen setzt dann “endlich” auch der versprochene Regen ein. An dieser Stelle möchte ich meinem Freund Thomas von Herzen danken, denn er stellt mir großzügig seine Regenjacke zur Verfügung. Das Tragen dieses hochfunktionalen Kleidungsstückes soll für den Rest des Tages unerlässlich bleiben.

    Entlang menschenleerer Wege, die von farbenprächtigen Feldern mit braunen Kakaokühen drauf gesäumt werden, gelangen wir schnell zum scheinbar verlassenen Gipfel der Wasserkuppe. Hierauf befindet sich eine Radarstation, die zur Zeit des Kalten Krieges noch von der Bundeswehr betrieben wurde. Heute kann man im “Radom” u.a. Infotainment und Fernsicht für nur 2€ genießen Während wir uns noch nach einem Gipfelkreuz umsehen, geht ein heftiger Schauer nieder. Dieser zwingt uns dazu, mehr schlecht als recht Unterschlupf im Eingangsbereich des Radoms zu suchen. Wie wir während unserer Zwangspause quasi nebenbei lernen, stammt der Name Wasserkuppe nicht daher, dass es hier so besonders niederschlagsreich ist und mehr als 30 Bäche von der Wasserkuppe entspringen. Namenstiftend ist vielmehr das mitteldeutsche Wort „Wass“, und das bedeutet so viel wie Weideplatz.

    Soviel zum Bildungsprogramm, nachdem der Regen dann etwas nachgelassen hat, umrunden wir schnell das Gebäude und sehen uns nach einer guten Gelegenheit für ein vorzeigbares Gipfelfoto um. Doch leider ist alles grau und die Fernsicht gleich null, in dieser Suppe verlieren wir sogar kurzzeitig die Orientierung. Das Foto, das wir dann auf Rücksicht auf die sensible Technik binnen Sekunden quasi im Vorbeigehen erstellen, bringt durch die spontane Komposition und relative Unschärfe auf jeden Fall Authentizität zum Ausdruck.

    Nach etwa einer Stunde strammen Marsches können wir dann zum Glück in der “Enzianhütte” einkehren.  Als verspätetes Frühstück werden uns heißer Kaffee, Brezeln und Zwiebelkuchen angeboten. Nach dem fürstlichen Mahl steht eine Entscheidung an: Der Regen hat kaum nachgelassen, die Prognose des Wirtes verheißt auch kaum Besserung. Auf noch mehr Regen haben wir keinen Bock mehr, den gibt es in Hamburg auch, aber da kann man dann Galao trinken- außerdem tut mein Knie weh. Da Tagesziel ist erreicht, genug Grenzgang für diese Wochenende, wir beschließen umzukehren. “Können ja noch mal wieder kommen…”Nach dem Gipfelsieg starten wir dann Richtung Milseburg.  Hier soll man die Rhön in all ihrer Pracht bewundern können. Der Weg in das gelobte Land führt uns hinab von der Wasserkuppe, und ist auf jeden Fall sehr rutschig. Mehr als einmal sind wir kurz davor einen Teil des Abstieges auf dem Hosenboden zurückzulegen!

    Der Rückweg nach Gersfeld, bei dem uns wie gewohnt Google Maps leitet, führt über einen kleinen Bach. Leider fehlt eine Brücke, so dass wir das Gewässer mit einem mutigen Sprung überqueren müssen. Hierbei geht leider ein Teil der Ausrüstung verloren. Wenigstens bleiben wir gesund und erreichen am frühen Nachmittag den Bahnhof um die ereignislose Fahrt nach Hause zu starten. Ach so, der Regen hat mittlerweile aufgehört – und als wir abends die Elbbrücken überqueren lacht uns von einem beinahe wolkenlosen Himmel die Sonne aus, bzw. an.

    In zwei Wochen geht es weiter, dann in Begleitung eines Nomaden und Comedian in Personalunion – mehr wird erstmal nicht verraten!

    Größere Kartenansicht