August, 2012

  1. August 8, 2012 by oliver

    Gipfel #11/12: Saarland/Rheinland-Pfalz

    An diesem Wochenende sollen unsere bergsteigerischen Fähigkeiten gleich an zwei Gipfeln geprüft werden: Zunächst wird mit dem Dollberg, als höchstem Punkt des Saarlandes (693m), und später, als exponiertester Punkt von Rheinland-Pfalz, der 816m hohe Erbeskopf in Angriff genommen. Für das ambitionierte Unterfangen der Doppelbesteigung haben wird uns den Support von BC100 Kollegen MC Rene gesichert. Wer sein Buch “Alles auf ein Karte-wir sehen uns im Zug” nicht kennt, hat was verpasst und kann sich ein Exemplar  z.B. hier bestellen.

    Die Tour beginnt für Thomas und mich bereits um 6Uhr10 wie immer am Gleis 14. Entlang immer noch feiernder Massen, die dem Alkoholverbot im Bereich des HVV standhaft trotzen, bahnen wir uns den Weg. Die Fahrt in dem relativ leeren ICE überbrücken wir mit mehreren kurzen Nickerchen. Neben dem Horrorfilm, mit dessen Sound später einige Jugendliche das halbe Abteil beschallen, findet kein weiteres Unterhaltungsprogramm statt.

    Nach ungefähr vier Stunden erreichen wir Frankfurt am Main, dort können wir uns beim Umsteigen noch schnell mit Kaffee und Nuss-Nougat Croissants stärken. In Mainz steigt dann Rene dazu, mit diesem verlassen wir in Türkismühle bei strahlendem Sonnenschein unser rollendes Zuhause. Nachdem wir unsere Ausrüstung verstaut haben, (eine mitgeführte Plastiktüte erweist sich als eher suboptimales Transportgerät bei einer mehr als 40km langen Wanderung) beginnt der Aufstieg in den Schwarzwälder Hochwald.

    Auffällig ist, dass trotz des Sonntagswetters kaum andere Leute unterwegs sind. Ein einziges Mal werden wir von einem einsamen Greis auf einem Kinderfahrrad überholt! Nachdem wir als Grund für den menschenleeren Wald Ursachen wie z.B. die Apokalypse oder sportliche Großereignisse ausgeschlossen haben, einigen wir uns darauf, dass die nahe Mosel wohl für viele einfach attraktiver sein mag. Dort gibt es Wein, Weib und Gesang – wir haben Leitungswasser im Gepäck, genügen uns selbst und unsere Poesie ist eine Art spontane Alltagsdichtung. In dieser Disziplin erweist sich Rene wie erwartet als Meister aller Klassen.

    So geht die Zeit schnell vorüber, nach einer etwa dreistündigen Wanderung entlang wirklich schöner Wege gelangen wir auf das Gipfelplateau des Dollberges. Hier sieht man die höchste Stelle in Form des trigonometrischen Messpunktes vor lauter Bäumen nicht. Also irren wir ein wenig in der Gegend herum – man kann von Glück sagen dass wir uns knapp unterhalb der berüchtigten Todeszone befinden! Ständig wechseln wir zwischen der saarländischen und der rheinland-pfälzischen Seite des Berges hin und her. Nach einigem Vor, Zurück und im Kreis herum, finden wir dann doch die besagte Stelle, die durch ein einfaches Hinweisschild gekennzeichnet ist. Schell zücken wir die Kameras und halten den historischen Moment fest. Für uns ist es der elfte der sechzehn Gipfel, für Rene der Erste. Glückwunsch Homie – mad Props, wie ihr HipHopper sagt!

    Weiter gehts, an einem schönen Aussichtspunkt genehmigen wir uns eine längere Rast. Wir breiten die Isomatten aus, und verputzen den ein oder anderen Müsliriegel. Wer will, nutzt die Gelegenheit zu einem Powernapping. Die Sonne scheint, es ist mucksmäuschenstill, herrlich! Wenn nur die Ameisenkohorten nicht wären. Die sind emsig damit beschädigt, den ein oder anderen Brocken der Reste unserer Cerealien abzutransportieren. Hierbei stellen unsere Arme und Beine natürliche, und gleichzeitig behaarte Hindernisse dar, die von den Sechsbeinern gekonnt überklettert werden. Schön anzusehen, juckt nur ein wenig!

    Nachdem die vereinbarten 45 Minuten um sind, raffen wir uns auf, denn es gilt die zweite Etappe des Tages in Angriff zu nehmen. Wir kommen etwa drei Kilometer weit, dann werden wir von einem Hinweisschild in seinen Bann gezogen. Angepriesen wird hier ein Fischrestaurant, das sich nur 380 Meter entfernt befinden soll! Wir tauschen einige Blicke aus, und sind dann auch schon entlang einiger Forellenteiche unterwegs in das gelobte Land. Nachdem uns dort Zugang gewährt wurde, und wir Platz auf der Außenterrasse genommen haben, ordern wir von der mehr als umfangreichen Speisekarte unser Abendbrot: Zu amtlichen Preisen gibt es zweimal Wild mit Knödeln für die Herren, und einmal Pilzrisotto für den Vegetarier. Was wir noch nicht wissen ist, dass uns eine entsagungsreiche Nacht erwartet – das köstliche und reichhaltige Mahl stellt hierzu einen eindeutigen Kontrast dar.

       

    Die untergehende Sonne erinnert uns daran, dass wir heute noch ein paar Kilometer zurücklegen sollten. Wir füllen im Restaurant noch schnell unsere Wasserflaschen auf, dann setzen wir den Aufstieg mit ebenfalls sehr gut gefüllten Mägen weiter fort. Nach dem Essen soll man ruhen, oder 1000 Schritte tun sagt man ja – ruhen würde auf jeden Fall eindeutig leichter fallen. Dennoch schafft unsere verschworene Seilschaft noch einige Kilometer, und gegen 23 Uhr erreichen wir das Gipfelplateau des Erbeskopfes. Dieses wurde letztes Jahr für über 800.000 € neu gestaltet. Viele der militärisch genutzten Einrichtungen sind einem Skulpturenpark gewichen. Lediglich eine Radaranlage ist verblieben, das monotone Brummen der Lüftungsanlage sorgt allerdings für eine beachtliche Geräuschkulisse, wie man sie aus Endzeitfilmen kennen könnte. Da dieser Science Fiction Sound unser Naturerlebnis doch erheblich stört, ziehen wir es vor, unser Lager etwa 300m entfernt, auf der anderen Seite des Gipfels aufzuschlagen. Unter den Trägern einer postmodernen Stahlkonstruktion mit dem Titel „Dialog“ des Bildhauers Martin Schöneich findet jeder von uns ein gemütliches Plätzchen, vor allem weil das Kunstwerk von feinem weißen Schotter umgeben ist. Selbst die Prinzessin auf der Erbse dürfte den vorhandenen Liegekomfort mit der maximalen Punktzahl bewerten.

    Nachdem wir uns eingerichtet haben, erzählen wir uns noch die eine oder andere Gutenachtgeschichte, Rene fragt noch “Was wird morgen sein” und schon schlafen alle zufrieden ein. Leider werden wir dann mitten in der Nacht unsanft von einem Schauer geweckt – es ist Zeit der modernen Kunst den Rücken zu kehren und einen besseren Zufluchtsort aufzusuchen. Zum Glück haben wir uns für diesen Fall schon vorher den dreistöckigen Aussichtsturm des Erbeskopfes ausgeguckt. Schnell wird alles eingepackt, und wir wanken schlaftrunken zu dem Bauwerk. Zwar sind wir dort wieder dem Lärm der Turbinen ausgesetzt, aber wenigstens ist es dort überdacht und somit trocken. Außerdem bietet der Turm die einzige Gelegenheit zu einem Panoramablick über den Hunsrück. Die nächtlichen Schauer sind dann teilweise so stark, dass wir unsere Schlafplätze auf dem eigentlich gut geschützten Holzboden im dritten Stock mehrfach verlegen müssen – es regnet rein, und das ist auf Dauer etwas unangenehm.

    Morgens zeigt sich dann der Himmel in verschiedensten Nuancen von grau, zumindest aber ist es trocken. Etwas träge beginnen wir uns für den etwa 20km langen Weg nach Idar-Oberstein zu stylen. Nicht ohne Stolz präsentiert  Rene dabei jeweils eine eindrucksvolle Blase unter seinen Füßen. Wir zollen entsprechend Respekt, allerdings müssen die Dinger weg – Fingernagel und Gürtelschnalle öffnen die Schleusen für gefühlte mehrere 100ml Flüssigkeit. Die neuen Sneakers haben ihren Tribut eingefordert. Nach dem operativen Eingriff nehmen wir dann bei Tageslicht den Gipfel in Augenschein. Beindruckend ist vor allem die begehbare Klangskulptur mit dem Namen „Windklang 816 M“. In der Werkbeschreibung heißt es:

     “Diese Skulptur, die durch den Bildhauer C. Mancke entworfen wurde, inszeniert in eindrucksvoller Weise, das Zusammenspiel von Natur und den Elementen. Tonnen von Stahl, anmutend verpackt in ein Holzkleid, inmitten der traumhaften Hunsrücklandschaft, kreieren ihre eigene Musik und geben dem Besucher, auf seinem Gang über den Steg durch die Skulptur, bis hin zum Aussichtspunkt die Möglichkeit, die Landschaft aus neuen Perspektiven zu erleben und zu empfinden. Hierbei sind der Phantasie des Besuchers keine Grenzen gesetzt. Jedes Wetter spielt hierbei seinen eigenen ‘Song’ so dass sich ein Besuch bei jeder Wetterlage lohnt.
Betrachten Sie den Hunsrück vom höchsten Berg in Rheinland-Pfalz mit der Natur und den Elementen als Orchester.”

    Wir kommen der freundlichen Aufforderung nach, sind entsprechend beeindruckt und erstellen das ein oder andere Foto. Dann machen wir uns dann auf den Rückweg. Dieser soll beschwerlich werden – nicht alle werden das Ziel wie geplant erreichen. Im Fernsehen würde nach einer solchen Ankündigung eine Werbeunterbrechung erfolgen – hier nicht, aber wenn wir schon dabei sind, besuchen Sie doch einmal diese Seite.

       

    Nach den Verbrauchertipps geht es dann weiter – nutze den Tag, bevor er zu Ende geht lautet das Motto. Wie sich relativ schnell herausstellt, war das Aufstechen der Blasen unter den Füßen von Rene zwar interessant anzusehen, besonders großen therapeutischen Nutzen hat es allerdings nicht gebracht. Jeder Schritt schmerzt ihm sichtlich, wir kommen nur sehr langsam voran. Es ist Zeit für eine Entscheidung, denn so werden die noch ausstehenden ca. 15 Kilometer zur Qual. Wie aus dem Nichts entdecken wir am Wegesrand ein Hinweisschild das Erlösung verspricht – Fun & Joy, 300m steht dort in großen, bunten Lettern geschrieben. Wir gehen entlang der kaum befahrenen Bundesstraße, und gelangen an den Parkplatz des versprochenen Etablissements, bei dem es sich um ein/en „Pärchenclub und Erotikhotel“ handelt. Vor dem Gebäude stehen etwa 30 PKW und warten auf ihre Besitzer, die sich noch schlafend von der wilden Party der letzten Nacht erholen. Rene lässt sich derweil per Auskunft die Nummern von ein paar regionalen Taxiunternehmen geben. Der notwendige Anruf gestaltet sich für alle Beteiligten relativ unterhaltsam, gilt es doch, sich direkt vor dem Swingerclub einsammeln zu lassen. Dann heißt es warten. Nach mehr als 45min ist die Roswitha, so lautet der Name der Taxifahrerin, wie wir durch mehrere Telefonate inzwischen wissen, immer noch nicht da. Leider müssen Thomas und ich so langsam weiter und wir überlassen Rene seinem Schicksal. Das klingt hart, aber es ist ja bekannt, dass es bei Abenteuerexpeditionen im Extrembereich knallhart zugeht!

    Nach einer herzlichen Verabschiedung setzen wir unseren Marsch fort, während Rene sich auf seinen Rucksack direkt an die Straße setzt. Auf bald, wir sehen uns (wenn das Ganze hier gut ausgeht…)auf Deiner Lesung in Hamburg.

    Der Rest des Rückwegs ist schnell erzählt, im schönen Allenbach besuchen wir ein Volksfest. Hier intoniert ein etwa 20 köpfiger Posaunenchor für etwa 10 Besucher ein Medley aus Hits wie „Der Lenz ist da“ oder „Ein Freund ein guter Freund“ . Untermalt von solchen Klängen schmecken Bratwurst und Cola besonders gut.

    Am frühen Nachmittag sind wir dann froh in Idar-Oberstein anzukommen, dort erreicht uns auch die Nachricht dass Rene von Roswitha sicher eskortiert wurde, und wohlbehalten zurück in die Zivilisation gelangt ist. Ende gut alles gut, auch unsere Rückfahrt verläuft dann gewohnt ereignisarm, nette Gespräche verkürzen die Fahrtzeit erheblich.

    Soviel zu den Ereignissen zu unseren Gipfeln elf und zwölf. In zwei Wochen versuchen wir uns dann am Großen Beerberg in Thüringen. Bericht folgt –selbe Zeit, selber Ort.

                   


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