November, 2012

  1. November 6, 2012 by oliver

    Gipfel #16: Bayern

    Es ist soweit, die letzte Etappe steht an. Uns erwartet mit der 2963m hohen Zugspitze der gleichzeitig höchste Berg von Bayern und Deutschland. Abgesehen davon ist die Zugspitze auch die mit Abstand höchste natürliche “Erhebung” auf unserer Tour.

    Für das große Finale haben Thomas und ich uns schon vor Wochen auf diesen Termin verständigt. Lange Zeit sah es so aus, als würde uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung machen – aber scheinbar haben wir doch noch Glück. Etwa drei Tage vor der Abfahrt können wir davon ausgehen, dass von meterologischer Seite keine Hindernisse mehr auftauchen, lediglich der Rückmarsch könnte ein wenig feucht werden. Es gilt allerdings noch eine unerwartete Hürde zu nehmen: Woran wir nämlich nicht gedacht haben: Zeitgleich zu unserem Gipfelversuch findet ein weiteres, ebenfalls nicht unbedeutendes Ereignis statt. In München ist Oktoberfest, zur “Wiesn” werden mehr als sechs Millionen Gäste erwartet, und der eine oder andere Besucher dürfte genau wie wir mit Nah- und Fernverkehrszügen zum größten Volksfest der Welt anreisen. Unsere Freude, sich auf der Fahrt nach Bayern unter das feiernde Volk zu mischen hält sich in Grenzen. Wir haben Müsliriegel und Isomatten im Rucksack, “die” führen als Proviant Bier, Bier und nochmals Bier mit sich.

    Zum Umdisponieren ist es allerdings zu spät, darum beginnt unsere Reise an diesem Donnerstag Abend mit der Fahrt im Nachtzug von Hamburg nach München. Am Bahnsteig treffen wir wie erwartet auf lederbehoste Fahrgäste, die eine stattliche Menge Oktoberfestbier und mobile Soundsysteme mit sich führen. Zu hören ist u.a. DJ Ötzi, der uns vom alten Holzmichel berichtet, aber auch gute alte Blasmusik steht auf dem Programm.

    Zum Glück erwischen wir ein ruhiges Abteil im Liegewagen. Alle sechs Betten sind belegt, Thomas und ich liegen uns ganz oben in Etage drei gegenüber. Wegen der gut bepackten Rücksäcke ist alles ziemlich beengt, allerdings entsteht so auch heitere Klassenfahrtsatmosphäre. Es gibt ein wenig Small Talk mit den anderen Bewohnern aus China, den USA und Pinneberg, man spricht englisch, schließlich versprüht ein Nachtzug immer auch ein wenig internationales Flair. Wir verbringen dann noch einige Zeit damit uns einzurichten, und die Ausrüstung, wie Stirnlampen oder Kameras, zum x-ten Male zu überprüfen. Zum Schlafen ist es noch zu früh, außerdem huschen in regelmäßigen Abständen Menschen mit Tirolerhut oder Lederhose am Abteil vorbei. In Hannover hält der Zug dann planmäßig für eine Dreiviertelstunde. Ich nutze die Zeit, um mich am Bahnsteig mit einigen Mitreisenden anzufreunden, eine Postkarte in die Heimat zu beschreiben und ein paar Fotos von Hannovers abendlicher Fußgängerzone zu schießen. Thomas bewacht derweil das Gepäck unserer Seilschaft. Kurz vor der Weiterfahrt kann ich noch beobachten, wie eine fünfköpfige Gruppe von Damen im fortgeschrittenen Alter versucht die Rolltreppe entgegen ihrer Fahrtrichtung zu besteigen. Trotz meiner Anfeuerungsrufe scheitert das Unternehmen schließlich an der mangelnden Einstellung der Ladys. Sie haben den Erfolg einfach nicht genügend gewollt, wir hingegen sind voll auf unser Ziel fokussiert. Seit Tagen schon kreisen die Gedanken um unseren letzten Berg – wohl kein Ostfriese vor uns hat alle 16 höchsten Punkte dieses Landes bezwingen können. Wir hoffen, uns nach erfolgreichem Ende der Tour einreihen zu können in die ruhmreiche Liste erfolgreicher Ostfriesen – Otto Walkes, H.P. Baxter, Eva Hermann – das sind unserer Brüder und Schwestern im Geiste.

    Morgens um kurz nach sechs laufen wir dann in München ein – noch nieselt es ein wenig, aber das soll ja besser werden.Wir haben knapp 10min Zeit zum Umsteigen, hierbei müssen wir einen kleinen Hindernissparcour um einige gestrandete Wiesnbesucher absolvieren. Dies gelingt uns ohne nennenswerte Zwischenfälle, so dass wir rechtzeitig im Regionalexpress nach Garmisch-Partenkirchen sitzen. Jetzt kann uns nichts mehr aufhalten! Entlang des Starnberger Sees und immer höherer Berge geht unsere Fahrt stetig hinauf ins Wettersteingebirge. Während der Fahrt betreiben wir noch ein wenig Konversation mit einer Gruppe chinesischer Touristen. Auch diese wollen auf die Zugspitze, allerdings per Seilbahn. Mit unserem Unterfangen können wir jedoch nur bedingt Eindruck schinden, liegt doch der Mt. Everest innerhalb des chinesisch besetzten Tibet. Der höchste Berg der Welt ist dreimal so hoch, da können wir einpacken…

    Nach insgesamt 12 1/2 Stunden Fahrt sind wir dann endlich da. Am gemütlichen Bahnhof von Garmisch gönnen wir uns ein kurzes Frühstück, heben noch einmal Geld ab und beginnen den Aufstieg zur Zugspitze. Als alpenunerfahrene Wanderer haben wir uns für den Normalweg entschieden. Er gilt als gleichzeitig längster und einfachster Weg, und führt zunächst entlang der Partnach zum Skistadion auf 730m Höhe. Nach kurzer Besichtigung, immerhin war hier einer der Austragungsorte der Olympischen Winterspiele 1936, führt uns der Weg in das Naturdenkmal Parnachklamm. In der teilweise bis zu 80m tiefen Schlucht ist zu spüren, dass wir jetzt wirklich in den richtigen Bergen angekommen sind. Teilweise ist das Sprudeln des Flußes hier so laut, das man sein eigenes Wort kaum noch versteht. Der Blick nach rechts, in Kombination mit dem diffusen Sonnenlicht, ist wirklich beeindruckend – vor allem wenn man so ein Naturschauspiel eigentlich nur aus Rambofilmen kennt.

    Nach der Klamm führt unser Weg etwa zwei Stunden stetig aufwärts bis zur Blockhütte auf 1052m. Hier beginnt das Reintal, und wir sind umgeben von Graten und Gipfeln die alle höher sind als sämtliche bisherigen höchsten Punkte auf unserer Tour. “Die Sonne lacht und macht das Wandern zu einem besonderem Vergnügen”, würde hierzu wohl im Reiseführer stehen.

    Nach weiteren zwei Stunden zügigen Gehens gelangen wir zur Reintalangerhütte in 1370m Höhe. Nachdem man 10 Minuten sitzt und nicht mehr schwitzt, bemerkt man erst wie kalt es hier oben bereits ist! Wir bestellen eine kleine Mahlzeit und strecken die Beine unter dem Tisch weit aus. Die Verlockung, noch länger an diesem gemütlichen Ort zu verweilen ist groß, aber wir haben ja noch was vor. Durch das Brunntal steigen wir dann innerhalb der nächsten Stunden auf teilweise wirklich steilen Wegen bis zur Knorrhütte auf 2057m Höhe. Mittlerweile ist es sechs Uhr, alles ist planmäßig gelaufen, Zeit Feierabend zu machen. Etwas später geht dann auch schon die Sonne unter, und wir beobachten, wie der Fels etwa alle 15 Minuten seine Färbe ändert. Von grau über braun zu Gold ist alles dabei. Dann wird das Nachtlager bezogen, Körperpflege betrieben und fein gespeist. Nachdem wir vor dem Schlafen nochmals den vielversprechenden Wetterbericht gecheckt haben, schlafen wir auch schon ein.

    Morgens um sechs klingelt der Wecker, nachdem alle Sinne halbwegs wieder beisammen sind, werfen wir uns in Schale um noch vor Sonnenaufgang den Gipfelsturm zu beginnen. Wir entscheiden uns weiterhin für die Normalroute, der Jubiläumsgrat wäre theoretisch ein reizvolle Option, kommt für uns aufgrund geringer Erfahrung, die noch dazu hauptsächlich aus dem Studium der Bücher von Reinhold Messner stammt, nicht in Frage. Stattdessen geht es entlang des Zugspitzblattes stetig voran. Wir könnten sogar noch schneller sein, aber das Licht ist optimal für diverse Fotosessions geeignet, da kann man nicht nein sagen. Es steht nicht ein einzige Wolke am Himmel, außerdem sind außer uns keine weiteren Gipfelaspiranten auszumachen. War der gestrige Aufstieg schon bemerkenswert , so ist die finale Etappe bezüglich der Wetterbedingungen nicht mehr zu überbieten. Schön wäre es, an dieser Stelle behaupten zu können, dass wir das alles für den Endspurt genau so geplant haben – stattdessen haben wir einfach Glück. Dies aber wohl nicht zuletzt auch deshalb, weil wir gestern ganz brav die Teller leer gegessen haben!

    Mittlerweile ist es etwa halb zehn, wir befinden uns am Ende des Nördlichen Schneeferners. Vor uns liegt die Schlüsselstelle, der ziemlich steiler Anstieg durch ein wirklich unfreundlich aussehendes Geröllfeld am Anfang des Gletschers. Auch andere Bergsteiger, die sich inzwischen an der Stelle versammelt haben, sind nicht ganz sicher ob man hier wirklich weiterkommt. Laut Karte ist dies jedoch eindeutig der richtige Weg. Nachdem wir schon mal eine Lage Bekleidung abgelegt haben, nehmen wir den Kampf mit dem etwa 300m langen Weg um etwas mehr als 50 Höhenmeter auf. Bei fast jedem Schritt rutsch man dabei ein kleines Stück wieder bergab. Es ist wirklich schwer Halt zu finden, und zum ersten Mal beneide ich Thomas um seine Carbon-Wanderstöcke.

    Irgendwann ist es dann geschafft, das Geröllfeld ist überwunden, mehrere Hektoliter Schweiß dürften mittlerweile den Weg säumen. Jetzt beginnt der langerwartete, versicherte Teil des Anstieges. Manche Stellen sind wirklich nur in Dreipunkthaltung zu überwinden, allerdings macht das Ganze hier auch besonders viel Spaß. Ach ja, und der Ausblick wird, bei weiterhin optimalen Wetterbedingungen, mit jedem Schritt spektakulärer. Auf dem abschließenden Grat ist es dann doch ein wenig zügig und kalt, die Sonne wärmt einen allerdings ausreichend und außerdem ist der Gipfel zum Greifen nahe.

    Kurz nach Mittag sind wir dann oben, zwar befinden sich dort geschätzte 500 Besucher, aber ein eigens für uns bereitgestelltes Empfangskomitee ist leider Fehlanzeige. Kein Shakehands mit Lokalpolitikern, keine Blasmusik, keine kreischenden Mädchenhorden – wir genießen unserenTriumph ganz still und nur für uns indem wir uns die Hände reichen. Geschafft – jetzt nichts wie ab zur Seilbahn um dann mit dem Taxi zum Flughafen zu fahren…
    Ok, war ein Witz. Nachdem wir uns eingereiht haben, um das obligatorische Foto am stark bevölkerten Gipfelkreuz zu schießen, stoßen wir mit Cola auf das erfolgreiche Ende der Tour an. Ein gutes Gefühl, jetzt gilt es lediglich noch auf dem gleichen Weg gesund zurück nach Hause zu kommen. In diesem Moment erinnern wir uns noch einmal gegenseitig daran, dass die meisten Unglücke am Berg beim Abstieg geschehen! Also – noch einmal die Wanderstiefel fest zugeschnürt, und auf gehts.

    War die Schwerkraft beim Aufstieg noch unser Feind, so ist sie jetzt unser bester Freund. Bedächtig passieren wir zunächst den Grat um zurück zum besagtem Geröllfeld zu gelangen. Hier macht der Abstieg dann besonders viel Spaß, den nun kann man, begleitet von neidischen Blicken aufsteigender Gipfelstürmer, mit einer speziellen Kombination aus Gleit- und Sprungtechnik mit einen Schritt fast zwei Meter machen.
    Gegen fünf sind wir dann wieder auf 1370m an der Reintalangerhütte. Die nahende Dämmerung, und vor allem der Wetterbericht, der spätestens ab dem frühen Morgen starken Niederschlag prognostiziert, zwingen uns eine Entscheidung zu treffen: Entweder hier Quartier nehmen und morgen erholt, aber dafür im Regen zurück, oder sofort so weit laufen wie die müden Knochen noch zulassen, um dabei das schöne Naturerlebnis noch so weit und lange wie möglich auszukosten.

    Wir raffen uns nach kurzer Bedenkzeit dann noch einmal auf, und gehen weitere zwei Stunden entlang der Partnach bis zur längst geschlossenen Bockhütte. Dort verbringen wir zufrieden und erschöpft auf der hölzernen Veranda eine letzte Nacht im Freien. Mittlerweile stehen schon recht viele Wolken am Himmel, so dass keine Sterne auszumachen sind. Dafür spielt uns der Fluss mit seinem abwechslungsreiche Sprudeln, Gluckern und Glucksen ein schönes Einschlaflied. Auch die Phantasie wird angeregt, im Schlaf erscheinen uns Meuchelmörder und Monster, nicht ganz so nett…

    Morgens um fünf ist dann Aufstehzeit, im Stockdusteren geht es mit Hilfe der Stirnlampen zurück Richtung Garmisch. Mittlerweile hat es auch wie angekündigt zu regnen begonnen. Wir sind dennoch bester Laune, kommen gut voran und gegen acht Uhr genießen wir das Privileg, mutterseelenallein durch die Partnachklamm flanieren zu können – ein schöner Abschluss unserer Wanderung. Wenig später sind wir dann zurück in der Zivilisation, am Bahnhof von Garmisch warten auch schon delikate Heißgetränke auf uns. Bereits um diese Uhrzeit sind übrigens schon wieder einige mutmaßliche Oktoberfestbesucher, erkennbar an Lederhose und Dirndl, unterwegs zur Wiesn. Um neun geht dann der RE zurück nach München, mit jeder Station wird der Zug voller und voller, genau wie einige Fahrgäste. Aber dennoch ist die Fahrt schnell vorüber, wehmütig sehen wir die Berge kleiner und kleiner werden um dann schließlich endgültig im Nebel zu verschwinden. Ab München geht es dann in nur sechs Stunden zurück nach Hamburg – geschafft!

    Sieben aufregende Monate sind vorüber, aber für ein Resümee ist es noch zu früh – oder, um es mit den Worten eines großen Sportlers zu sagen: “I look not back, I look in front.”

     


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