Juni 14, 2012 by oliver

Gipfel #7/8: Sachsen-Anhalt / Niedersachsen

Für dieses Wochenende haben wir ja, wie angekündigt, die “Doppelüberschreitung” Saarland/Rheinland Pfalz geplant. Zur Feierabendzeit am Hauptbahnhof angekommen stellen wir dann allerdings fest, dass der Zug Richtung Frankfurt am Main zunächst 10, dann 20 und später 40 Minuten “betriebsbedingte” Verspätung hat. Man braucht kein Mathegenie zu sein, um zu erkennen, dass wir bei einer Umsteigezeit von 20 Minuten in der Finanzmetropole unseren Anschluss Richtung Saarland verpassen werden.

Wir verspüren nicht viel Lust die Nacht im Frankfurter Bahnhofsviertel zu verbringen, darum entscheiden wir uns spontan einen der anderen noch verbleibenden 16 Gipfel in Angriff zu nehmen. Wir nehmen also einfach den nächsten Zug gen Süden, und nach einer kurzen Phase der Unentschlossenheit steht das Ziel fest: Es geht in den Harz. Hier ruft der z.B. der Brocken als höchster Gipfel von Sachsen-Anhalt (1141m). Seinen südlichen Nachbarn, den Wurmberg mit 971 m Niedersachsens höchster Punkt, wollen wir entsprechend unseres nachhaltigen Ansatzes gleich mitnehmen.

Da wir für die neue Planung kein passendes Kartenmaterial dabei haben, kontaktieren wir noch schnell Frank S., seines Zeichens Wanderbruder und Eigentümer einer formschönen Wanderkarte für den Harz. Dieser gibt uns in Hannover beste Wünsche und die benötigte Karte mit auf den Weg. Nun einigermaßen gut ausgerüstet, erreichen wir gegen halb 11 abends Ilsenburg im Ostharz. Entlang der Straßen des beinahe schon schlafenden Ortes machen wir uns auf Richtung Brocken. Wir kommen in den Wald, und wie aus dem Studium einschlägiger Märchenbücher bekannt, ist es dort nachts recht dunkel und auch ziemlich kalt. Zunächst noch mittelblau, verändert sich die Farbe der Umgebung schnell über dunkelblau zu tiefschwarz. Man sieht die Hand vor Augen nicht mehr!

Wir haben zum Glück eine Stirnlampe dabei und können das Nötigste erkennen. Abgesehen vom Geheul der Wölfe und dem ein oder anderem Zombie am Wegesrand präsentiert sich der Wald friedlich und wir gelangen zu einer recht komfortablen Schutzhütte, auf deren Boden wir die Nacht verbringen werden. In guter ostfriesischer Tradition kochen wir noch einen Tee und legen uns dann zur Ruhe, während nebenan die Ilse friedlich vor sich hin plätschert.

Nach kurzer, aber doch erholsamer Nacht geht es dann morgens um sechs weiter Richtung Brocken. Wir entscheiden uns für den nicht ganz so steilen Aufstieg über den Heinrich-Heine-Weg. Im Vergleich zu unserem letzten Gipfel in Mäc-Pomm, der ja kaum 200m hoch ist, haben wir jetzt mehr als die fünffache Höhe zu bewältigen – um ehrlich zu sein ist der Brocken ja der erste “richtige” Berg unserer Tour. Trotz dieser ungewohnten Belastung sind wir bereits um acht Uhr auf dem bekannt zugigen Brockenplateau. Wegen des relativ starken Windes fallen Gipfelfreude und Fotosession diesmal recht leidenschaftslos aus, wichtiger ist uns ohnehin schnell an ein leckeres Frühstück zu gelangen. Doch leider sind noch alle Möglichkeiten zum Einkehren fest verrammelt, wir müssen uns also noch eine Stunde gedulden, bis wir mit der Einnahme von überteuerten, mit Käse und Salami belegten Aufbackbrötchen und Müller Milchreis (Schoko) beginnen können. Der Fairness halber muss man auch zugeben, dass die geschmackvolle Dekoration an den Wänden der Lokalität eigentlich jeden Preis rechtfertigt.

Nach der Stärkung, und mit dem Selbstbewusstsein frisch gebackener Gipfelsieger ausgestattet, starten wir dann Richtung Wurmberg. Der stellt für uns gebürtige Niedersachsen neben dem Hamburger Hasselbrack ja sozusagen ein zweites Heimspiel dar. Mittlerweile hat sich auch die Sonne raus getraut und trocknet unsere verschwitzen T-Shirts, die wie Trophäen verwegen an unseren Rücksäcken baumeln.

Während uns jetzt die ersten Wanderer entgegenkommen, sind wir schon wieder mit dem Abstieg, bzw. einem zweiten Aufstieg beschäftigt. In der Höhe des Brockenbahnhofes kommt uns übrigens eine leibhaftige Legende entgegen, der 80jährige “Brocken-Benno”, der heute seinen 6680ten Brockenaufstieg absolviert (http://www.brocken-benno.de/). Ehrfurchtsvoll lassen wir ihn passieren, für Fotos oder gar ein Gespräch bleibt leider keine Zeit.

Wir gelangen über einen ehemaligen Grenzweg zügig in die Nähe des Wurmberges, wo wir erneut einkehren um eine Gulaschsuppe und einen Snickers zu erwerben. Die nochmalige Stärkung weckt die notwendigen Kräfte, und wir kommen entlang der Skisprungschanze noch vor Mittag auf den Gipfel des Wurmberges. Hier begrüßt uns der für die Harzgipfel so typische Geruch von Frittierfett, was Thomas und mich zum dritten Einkehren an diesem Tage animiert. Diesmal gibt es vorzügliche Pommes und eiskalte Cola, die wir gekonnt direkt vor der Gipfeltafel des Berges verzehren.

Im Anschluss hieran starten wir dann den Rückweg über Schierke nach Wernigerode. Entlang einiger wirklich schöner Passagen durch den Wald, und begleitet von den Geräuschen der Brockenbahn, kommen wir am späten Nachmittag in Wernigerode an. Dort herrscht Volksfeststimmung, denn in der Abstellanlage sind zahlreiche  Bahnfahrzeuge verschiedenster Bauart zu sehen. Noch zahlreicher ist nur die Häufigkeit mit Thüringer Rostbratwurst ausgerüsteter Bahnfans im Gleisbereich, die das bunte Treiben mit ihren Kameras festhalten. Die Gespräche dieser Menschen, die ich ganz respektvoll als Bahn-Nerds bezeichnen möchte, drehen sich um allerlei technische Details. Unser Bahnwissen beschränkt sich lediglich auf An- und Abfahrtszeiten – es ist an der Zeit aufzubrechen.

Über Hannover erreichen wir das samstagabendliche  Hamburg. Am Bahnhof ist ungewohnt wenig los, kaum Jungesellenabschiede, keine Emo-Jugendlichen, und dennoch liegt eine gewisse Spannung in der Luft. Woran liegt dies? Ist Ausverkauf bei Schlecker, läuft die letzte Folge von Grey’s Anatomy oder findet heute irgend ein anderes bedeutendes Ereignis statt? Der Blick auf einen der Monitore am Bahnsteig gibt Auskunft: Fußball EM – Deutschland gegen Portugal. Noch steht es 0:0, wir sind rechtzeitig zur zweiten Halbzeit zu Hause.

In zwei Wochen geht es weiter. Zur Überbrückung der Wartezeit gibt es bei Facebook ein Gewinnspiel.


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