Juni 24, 2012 by oliver

Gipfel #9: Nordrhein-Westfalen

Vor der Sommerpause (sorry, ihr knapp130 Facebookfans) sind wir an diesem Samstag auf dem Weg zum neunten Gipfel unserer Tour. Ziel des heutigen Tagesausfluges ist der höchste Punkt von Nordrhein-Westfalen, der 843m hohe Langenberg. Dieser befindet sich im Hochsauerland, 15m entfernt von der Landesgrenze zu Hessen.

Nachdem wir uns wir uns am Vorabend etwas früher aus einer Geburtstagsgesellschaft ausgeklinkt haben, treffen wir uns in beinahe alter Frische um 7:46 am Gleis14 zur Fahrt nach Willingen. Gut drei Stunden Fahrtzeit vergehen, dann geniessen wir beim Umstieg in Hagen zarten Sonnenschein und Ruhrpottatmosphäre. Verrostete Schienen und Industrieruinen an beiden Seiten des Bahnhofes erinnern an vergangene Zeiten.

Beim Erwerb von Kaffe und Gebäck (Freundschaftsherzen) dürfen wir auch noch was lernen: Ein Einheimischer (der aufgrund seiner Bahnermütze auch als Bahnhofsvorsteher fungieren könnte) bestellt nämlich im besten Ruhrpottslang afrikanischen Kaffee. Da es sich hier um einen kleinen Bahnhofskiosk handelt, sind wir sehr erstaunt über das breite Angebot, selbst Starbucks hält diesen Kaffee nicht vor und wir rätseln, was jetzt über den Tresen gereicht werden wird. Die Verkäuferin rätselt übrigens genau so, weshalb sie auch nachfragen muss. Afrikanischer Kaffee, so stellt sich dann heraus, ist natürlich Kaffee Togo!

Nach dieser Lektion erreichen Thomas und ich gegen Mittag das Rothaargebirge. Die Fahrt verging übrigens wie im Flug, denn zwei weibliche Erstsemester unterhielten uns und den Rest des Großraumabteils mit ihrer angeregten Plauderei. Die Beiden werden auf jeden Fall die Welt verändern, jede Wette – diesmal bestimmt!. Beim Ausstieg aus der Regionalbahn begegnen wir dann der ersten Gruppe Junggesellabschied feiernder Männer. Begegnungen dieser Art sollen heute noch zahlreiche weitere folgen. Wir kaufen weder Schnaps, noch Tennisbälle oder Pornospielkarten, geben dem Bräutigam in spe aber trotzdem gerne einen Euro aus der Reisekasse. So freundlich gestimmt, erklärt er sich gern für das Posieren zu beigefügter Abbildung bereit. Wir wollen auch gern ein gemeinsames Foto mit dem jungen Mann ins Portfolio nehmen, doch die professionelle Kameraausrüstung und unserer forsches Auftreten verunsichern den Guten wohl, er gibt sich eher schüchtern.

Vom Bahnhof aus geht es dann schnurstracks gen Gipfel. Wie immer habe ich die Wegbeschreibung ausgedruckt, nach fünf Minuten verlassen wir uns dann ebenfalls wie immer auf die Navigation per iphone. Wir sind es ja gewohnt, von eher verschlafen anmutenden Ortschaften aus zum Gipfelsturm aufbrechen. In Willigen ist alles anders! Zahlreiche Jugendliche, Jungerwachsen und Junggebliebene tummeln sich in den Strassen  innerhalb von 15 Minuten begegnen  wir z.B. wieder drei Junggesellenabschiedsgesellschaften (2x männlich, 1x weiblich). Bei dieser Gelegenheit drängt sich dem Soziologen in mir folgende Frage auf: Ist es sozusagen verbrieft, dass der Jungesellenabschied in einer geschlechtlich homogenen Gruppe zu erfolgen hat? Platonische Freundschaft über Geschlechtergrenzen hinweg wird so ja faktisch ausgeschlossen. Ist dies noch zeitgemäß?

Wie dem auch sei, wir beginnen entlang von Seilbahnen, Gondeln und Kühen unseren Aufstieg.  Bei den Rindviechern handelt es sich übrigens um “Schwarzbunte”, was in Kombination mit den Sesselliften und Almen für uns Nordlichter ein sehr ungewohntes Bild ist – wir hätten braune Kakaokühe als Teil der Komposition erwartet. Trotz leichter Verunsicherung kommen wir gut voran, auch unsere spontane Abmachung, bei der Überquerung von Flüssen die Benutzung von Brücken auszuschließen, führt kaum zu Verzögerung.

Auch in mittlerweile über 600 Meter Höhe sind wir keinesfalls allein am Berg. Von “Ausgesetzt sein” keine Rede.Zahlreiche niederländische Läufergruppen in einheitlichen Trikots  bevölkern die Aufstiegsroute. Im interkulturellen Dialog bringen wir in Erfahrung, dass es sich um ein Seminar zur Teamentwicklung im über 800 Mitarbeiter starken Unternehmens handelt. Die Kolleginnen und Kollegen absolvieren ihre Übungen teilweise mit viel Geschrei, die Ruhe des Waldes wird hierbei empfindlich gestört. Wir sind darum froh, das uns Google auf einen nicht mehr genutzten Weg leitet. Hier müssen wir uns zwar durch das Gehölz kämpfen und mit Zeckenbissen rechnen, können uns dafür aber wenigsten auch miteinander unterhalten.

Allerdings ist der Aufstieg entlang des völlig zugewachsen Pfades recht anstrengend, weshalb wir ins Schwitzen geraten. Dies könnte der Grund dafür sein, dass wir selbst hin dieser relativen Abgeschiedenheit schnell Gesellschaft kriegen. Diesmal hat es Freundin Fauna besonders gut mit uns gemeint  – die nächste halbe Stunde umschwirren uns mehrere Fliegen-schwärme. Gutes Zureden, mit den Armen herumfuchteln oder kur Sprints, nichts hilft.  Wir werden die Viecher nicht los!  Zum Glück befinden wir uns  jetzt sozusagen auf dem Gipfelplateau. Hier ist der Baumbestand recht niedrig, und gegen den Wind kommen unsere mutmaßlich blutsaugenden Begleiter schließlich nicht mehr an.

Auf dem höchsten Punkt von Nordrhein-Westfalen angelangt,  erwartet uns ein riesengroßes Gipfelkreuz, inklusive Gipfelbuch. Fernsicht ist leider nicht vorhanden, weshalb es nach der Absolvierung der bekannten Prozedur  schnell wieder an den Abstieg geht. Diesmal entlang eines anderen Weges, was sich als Glückstreffer erweist, da wir nun tatsächlich kaum anderen Bergsteigern begegnen.

Die knapp sechs Kilometer sind allerdings schnell abgerissen. Zurück im Ort kehren wir in einem American Diner am Bahnhof ein. Hier stärken wir uns mit Pommes und Hamburgern (50% des Teams wählen die vegetarische Variante) für die Rückfahrt. Der Laden selbst füllt sich zusehends, schnell ist die Stimmung mit der vom Mc Donalds am Kiez an einem Freitag oder Samstag Abend zu vergleichen. Wobei – hier in Willigen sieht man bereits gegen vier Uhr nachmittags nackte Männer durch denn Kreisverkehr laufen (stimmt wirklich, nur zum Fotografieren sind wir nicht gekommen)!

Es ist also Zeit loszufahren, der nächste Zug geht allerdings erst in knapp einer Stunde. So besteht noch Gelegenheit  den Ort und seine Geheimnisse  zu erkunden. Es folgen zahllose Begegnungen mit Betrunkenen und solchen die es werden wollen. In Willigen, so stellt sich heraus, sorgt an den Wochenenden sogar ein privater Sicherheitsdienst für Ordnung. Bemerkenswert erscheint uns auch, dass mehrere Feiernde sehr bestimmt versuchen Autofahrer zum Autokorso zu ermuntern.

Das Länderspiel zwischen Deutschland und Griechenland fand allerdings bereits am Vorabend statt, weshalb die Insassen der ganzen Aktion eher ablehnend gegenüberstehen. In einem von mehreren Gesprächen mit den Passanten (nicht immer funktionierte die Kommunikation reibungslos) erfahren wir, dass Willingen die Partyhochburg des Sauerlandes ist. Für Leute, die etwas erleben wollen, ist es die Topadresse! Und es gibt einiges zu sehen: Bis nachmittags kehrt man z. B. in Siggis Hüte ein, dort gibt es neben einem breiten Angebot an Alkohol als Highlight Erbsensuppe, die in Biergläsern serviert wird. Wir müssen nun aber wirklich los, nächstes Mal bestimmt!

Am Bahnhof, in dessen Wartehalle natürlich eine Art Theke integriert ist, überrascht es dann auch nicht, dass aus den ankommenden Zug gleich mehrere Gruppen in gleichfarbiger Kleidung und mit Bollerwagen ausgerüstet aussteigen. Sofort werden Radiergummis in Penisform, Underberg und Feuerzeuge offeriert. Die Verstärkung ist da! Sie scheint auch nötig, denn einige der Wartenden am Bahnsteig berichten uns von ihrer nunmehr vierzig Stunden andauernden Party.

Die Rückfahrt ist schnell erzählt, wir absolvieren längere Aufenthalte in Korbach und Kassel. Die Wartezeit vertreiben wir mit freundlichen Gesprächen und Besuchen verschiedener Gastronomiebetriebe. Zurück am Hauptbahnhof in Hamburg erinnern uns dann Bierdunst und vereinzelte Bauchläden mit einschlägigem Sortiment an unsere wilde Zeit in Willigen, dem El Arenal des Sauerlandes.

 


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