September 3, 2012 by oliver

Gipfel #13: Thüringen

“Daraus machen wir unsere erste Speedbesteigung”, beschließen Thomas und ich euphorisch beim vorabendlichen Telefonat zur Planung für dieses Wochenende. Gemeint ist unsere Reise zum Großen Beerberg, den mit 972 Metern höchsten natürlichen Punkt von Thüringen. Angepeilt ist, mit dem letzten möglichen Zug zum Bahnhof von Suhl zu gelangen. Von dort wollen wir dann noch in der Nacht den Gipfel erklimmen.

Wir starten gut gelaunt und wie gewohnt ab Hamburg Hauptbahnhof. Die erste Etappe des Besteigungsversuches führt uns nach Göttingen, wo wir etwa fünf Minuten Zeit zum Umsteigen haben, was somit sozusagen die Schlüsselstelle unserer Reise darstellt. Die Fahrt an sich verläuft recht ereignisarm, auch der Blick aus dem Fenster wird spätestens ab Hannover eher langweilig – längst hat es zu dämmern begonnen.

In Göttingen erreichen wir wie geplant den Regionalexpress nach Neudietendorf. Im Zug lernen wir Helmut, den rüstigen Rentner aus Jena kennen. Der hat sich von seinem Tagesausflug aus Travemünde einige halbe Liter mitgebracht, und diese teilweise  auch schon eingenommen. Die Stimmung ist prächtig,

Helmut erzählt von seiner Zeit bei den Zeisswerken, vor allem aber klären wir alle noch strittigen Fragen in Bezug auf den Fortschritt des deutschen Wiedervereinigungsprozesses. Zum Abschied, der selbstredend per Handschlag erfolgt, wünscht er uns “Individualisten” Berg heil. Helmut, wenn Du dies liest, Deine Ratschläge und Wünsche haben uns während des mühsamen Aufstieges viel Kraft und vor allem noch mehr gute Laune verschafft, danke dafür!

In Neudietendorf haben wir dann planmäßig neunzig Minuten Aufenthalt.  Am menschenleeren Bahnhof, es ist mittlerweile beinahe 12 Uhr, geht es nicht besonders wild zu. Also entscheiden wir uns dazu, den Ort einmal näher in Augenschein zu nehmen und gleichzeitig vitaminreiche Kost in Form von Pommes oder anderer regionaler Spezialitäten zu uns zu nehmen. Die Kleinstadt präsentiert sich ruhig, friedlich und beinahe so schlafend wie der Bahnhof vorhin. Wir treffen zwei Kampfhunde,  die mit ihren Frauchen Gassi gehen.  Diese, (also die Frauchen!!!), teilen uns mit, dass um diese Zeit eigentlich alle gastronomischen Einrichtungen geschlossen sind. Wir könnten es allerdings noch bei “Brettis Grillbar” versuchen, dort sei am Wochenende manchmal länger geöffnet.

Als wir an dem angekündigten Spitzenrestaurant angelangen, sind wir dann mehr als froh dass es tatsächlich noch geöffnet hat. Gleichzeitig macht sich aber auch Unentschlossenheit breit. Sollen wir tatsächlich eintreten? Alte, und eigentlich längst vergessen geglaubte Vorurteile bezüglich der neuen Bundesländer bahnen sich ihren Weg. Wie wird man uns Fremden begegnen – als Freunde oder als Eindringlinge?  Ein wenig erwarten wir eine Atmosphäre, wie man sie aus alten Western beim Eintritt des Cowboys in den Saloon kennt. Zum Glück fällt uns ein Zitat von unserem Schutzheiligen Reinhold Messner ein: Der sagt “Am Anfang stand die Tat!”, und bezieht sich hierbei direkt auf Goethe.  Also, Vorbehalte draußen lassen und rein in die gute Stube! Schließlich ist auf der Straße nix los und wir haben Hunger!

Drinnen sind noch fünf Gäste plus Wirt und Helferin anwesend. Alle sitzen an der Theke, dort sind noch zwei Plätze frei. Diese Tatsache interpretieren wir blitzschnell und geistesgegenwärtig als gutes Zeichen und gesellen uns dazu. Es wird ein wenig Small Talk geführt, dann kommen wir zum Bestellvorgang. Wir lassen uns das Menü vortragen, es gibt noch Bockwurst,  eine vegetarische Alternative ist ausgerechnet heute Abend leider nicht mehr verfügbar. Aber so ist halt das harte und entsagungsreiche Los des Abenteurers!

Die Nagelprobe, oder um sich noch einmal auf Herrn Goethe zu beziehen, die Gretchenfrage stellt sich in Bezug auf unsere Getränkewahl: Was für Cola – Coka oder Vita, lautet sie. Zum Glück sind wir bezüglich interkultureller Kommunikation einigermaßen erfahren. So verschaffen wir uns durch einen rhetorischen Trick ein wenig Zeit zum Nachdenken. Nach nochmaliger Aufforderung müssen wir uns dann entscheiden, im Saal herrscht atemlose Stille, man kann sozusagen die Nadel im Heuhaufen fallen hören. Wir entscheiden uns dann wir die klassische Variante, was dann von der linken Seite der Theke mit Lob, von der Rechten mit Tadel quittiert wird. Zumindest aber entwickelt sich eine kurze und angeregte Diskussion über die Vorzüge des jeweiligen Produktes und wir stehen nicht mehr im Fokus der Abendgesellschaft. Nachdem wir aufgegessen und die Gläser geleert haben, tauschen wir noch einige Freundlichkeiten aus, zahlen für das reichhaltige Mahl keine fünf Euro und verabschieden uns Richtung Bahnhof – unser Zug gen Gipfel geht um ca. 0:30 Uhr.

Zurück am Bahnhof, wird uns von zwei jugendlichen Mitreisenden erklärt, was man abends in Neudietendorf so macht:  Man fährt weg!  Brettis Grillbar stellt wohl schon das absolute Highlight dar, auch wenn es nach Angaben der Mädels eher ein Laden für das einfache Volk sein soll. Als wir dann in der gut gefüllten Südthüringenbahn sitzen, macht sich bei Thomas und mir doch ein wenig Müdigkeit breit. So vergeht die letzte halbe Stunde  der Fahrt auch eher im Halbschlaf. Aus dem Fenster sehen ist eh ein ziemlich nutzloses Unterfangen, draußen ist es stockdunkel, nur vereinzelt tauchen überhaupt Lichter auf.

Gegen halb zwei sind wir dann in Suhl am Fuße des Großen Beerberges. Der Bahnhof befindet sich im Süden der Stadt, der Weg zum Gipfel beginnt im Norden. Aus diesem Grund führt unsere Route mitten durch die Innenstadt des Wintersportortes. Auch in Suhl geht es um diese Uhrzeit eher gemütlich zu. Was uns verwundert ist, dass sich erstaunlich viele Mitglieder der Konsumgruppe der Silversurfer (Ü70, Anm. des Verfassers) in der Stadtmitte versammelt haben. Wir grüßen diese beim Passieren freundlich, leider bleibt kaum Zeit für ein nettes Wort, denn wie aus dem nichts kommt gleich eine ganz Kolonne von Reisebussen angerauscht und unter den Senioren entbrennt hektische Betriebsamkeit.

Wir setzten somit zielstrebig unseren Aufstieg fort, werden dabei insgesamt viermal und in teilweise langsamer Fahrt von einem schweren Wagen mit verdunkelten Scheiben überholt. Wird sind leicht beunruhigt, in der Nähe eines “Küchenstudios”, vor dessen mit Rotlicht bestrahlter Fassade eine Fachkraft für Schutz und Sicherheit steht, bleibt unser Verfolger allerdings endgültig stehen.

Entlang der Bundesstraße verlassen wir dann die Stadt und sind endlich im Wald. Spätestens hier kommen unsere Stirnlampen dauerhaft zum Einsatz, man kann trotz des unglaublich beindruckenden Sternenhimmels über uns kaum die Hand vor Augen sehen. Bei unserem Aufstieg leistet uns Google Maps wieder einen unverzichtbaren Dienst zur Navigation, vor allem weil viele der Hinweisschilder entlang des Weges wohl bei der letzten Rodung im Wald gleich mit entfernt, verstellt oder verdreht wurden.

Thomas wird beim Aufstieg übrigens gleich mehrfach von Nagetieren attackiert, kann die Angriffe der feindselig gestimmten Waldbewohner allerdings unter Aufbietung all seiner Kraft erfolgreich abwehren. Zum Glück sind wir durch unserer Touren vorher mittlerweile erfahren genug um der Herausforderung dieser Speed- und gleichzeitig Nachtbegehung gerecht zu werden – niemand aus der Gruppe verliert die Nerven oder muß zurückgelassen werden!

Um kurz vor vier ist es dann soweit, wir erreichen die hölzerne Aussichtsplattform des Berges. Die Sterne am Himmel scheinen eigens für uns ein Feuerwerk  abzubrennen, der Begriff atemberaubend ist mittlerweile von Rosamunde Pilcher und Konsorten arg überstrapaziert worden, gibt die Stimmung allerdings dennoch recht genau wieder!

Nachdem wir uns noch ein wenig an Sonne, Mond und vor allem den Sternen erfreut haben, legen wir uns direkt auf den Boden der Holzkonstruktion. Die Bohlen sind für den angepeilten kurzen Erholungsschlaf weich genug, schließlich wollen wir mit dem Sonnenuntergang aufstehen, beeindruckende Fotos erstellen und dann weiterziehen. Dies sind auch etwa meine letzen Gedanken als ich einschlafe…

Drei Stunden später wachen Thomas und ich dann wieder auf – den Sonnenaufgang haben wir verpennt, es ist natürlich taghell, schon ziemlich warm und gleich werden bestimmt auch schon die ersten Wanderer am Berg vorbeikommen. Höchste Zeit aufzustehen, aber wir kommen einigermaßen schwer in die Gänge. Zunächst gönnen wir uns noch ein Müsliriegelfrühstück direkt ans Bett, und führen anschließend eine kompliziert zu beschreibende Prozedur zum Wachwerden durch. Nachdem diese abgeschlossen ist, genießen wir das Panorama. Unter uns liegt zum Beispiel das noch tief schlafende Suhl, von wo aus wir vor nicht einmal fünf Stunden aufgebrochen sind. Nachdem die Taschen gepackt sind und ausreichend fotografiert wurde, starten wir dann entlang des Rennsteiges Richtung Oberhof. Der Rennsteig ist übrigens der älteste und mit etwa 100.000 Wanderern jährlich der meistbegangene Weitwanderweg Deutschlands. Was für ihn für uns besonders attraktiv macht ist u.a. auch, dass er vorbildlich ausgeschildert ist, und wir so auf dem Weg zu unserem Zielbahnhof nicht ein einziges Mal Handy oder Wanderkarte zücken müssen.

Bereits um neun sind wir dann am Bahnhof, hier setzten wir uns gemütlich auf eine Bank in der Sonne und feiern, während wir die Reste des Proviants verspeisen, unsere erfolgreiche Speedbegehung. Da sich laut verschiedener Tageszeitungen heute der bisher wärmste Tag des Jahres ereignen soll, entscheiden wir uns spontan noch zu einem Kurztrip nach Erfurt. Dort laden wir uns natürlich noch einmal ausgiebig zum Frühstück ein und besichtigen im Anschluß daran noch Innenstadt und Dom der blinkenden und blitzenden Landeshauptstadt.

Am frühen Nachmittag starten wir dann zur Fahrt nach Hause. Hitze und Müdigkeit lassen die Zeit recht zäh vergehen. Um genau zu sein, will das Teilstück nach Göttingen kaum vergehen. Unsere einzigen Beschäftigungen sind dösen, dämmern und uns gegenseitig ärgern. Letztgenanntes mag kurzweilig sein, ist auf Dauer aber recht anstrengend und darüber hinaus eine ziemliche Belastung für Nervenkostüm und Freundschaft. Aus diesem Grund sind wir froh, als wir ein letztes Mal umsteigen, um mit dem ICE Richtung Heimat zu düsen!

Soweit zu den Ereignissen um unsere dreizehnte Etappe, als nächstes haben wir uns vorgenommen, in drei Wochen den Fichtelberg in Sachsen zu erklimmen. Bis dahin – abschalten nicht vergessen!


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