Februar 9, 2014 by oliver

Bonusgipfel #1: Großer Arber

“Weißt Du was schlau gewesen wäre”, sage ich frühmorgens auf der Fahrt in den Bayrischen Wald zu Thomas, “eine Speicherkarte einzulegen“. Nun ist es zu spät, wir befinden uns irgendwo zwischen Hannover und Göttingen. Zum Einkaufen an einem der Umsteigebahnhöfe fehlt uns die Zeit.

Aber wir machen unsere Touren ja auch nicht in erster Linie, um uns im Internet als tolle Hechte zu präsentieren, sondern weil wir Erinnerungen mit nach Hause bringen wollen. Die mit Hilfe von Handykameras erstellten Bilder haben lediglich Dokumentationscharakter. Sie müssen zur vorliegenden Bebilderung unserer ersten Wintertour ausreichen – die relativ schlechte Qualität  sorgt aber für einen besonders authentischen Eindruck.

So früh wie heute jedenfalls, mussten wir lange nicht mehr aufstehen! Es galt um jeden Preis den Zug um 06:01 nach Würzburg zu erwischen. Die Rucksäcke sind beladen mit den üblichen Utensilien, ergänzt wird die Ausrüstung noch durch Schneeschuhe und ein kleines Zelt. Für unser Ziel, den Gipfel des Großen Arbers, der mit 1456m der höchste Berg des Bayrischen Waldes ist, wurden immerhin bis zu 80cm Schnee, bei um die -15 Grad Ortstemperatur prognostiziert.

Klingt unangenehm, aber wir sehen gerade in diesen Umständen die Herausforderung. Schönwettertouren hatten wir 2012 genug. Nun gilt es, Durchhaltevermögen und Leidensfähigkeit unter Beweis zu stellen!

Unser ganzes Geschwafel über Reinhold Messner und andere echte Abenteurer wird auf Dauer  auch unglaubwürdig, wenn wir nicht wenigstens eine ansatzweise vergleichbare Erfahrung vorweisen können.

Schlafend verbringend wir einen Großteil der insgesamt siebenstündigen Fahrt. Nachdem wir in Würzburg umstiegen, durchqueren wir lauter uns noch unbekannte bayrische Orte. Ich spreche hier nicht von Nürnberg, da waren wir erstens schon, und zweitens liegt die Stadt bekanntlich in Franken!

Der Blick aus dem Fenster ist auf jeden Fall malerisch, genauer gesagt liegt die Stimmung zwischen Dürer und Casper David Friedrich: Kleine Orte, die sich beinahe alle durch eine kleine Kapelle im Ortsmittelpunkt auszeichnen, wechseln sich ab mit winterlicher blitzender Schneelandschaft. Die Fahrt macht Spaß, als Bonus gibt es noch stetig lauter werdende Geräusche von der Unterseite des Wagons. Es klingt so, als würden metallene Gegenstände an das Fahrwerk knallen – Klonck, Däng, Dong!  Bei etwa 250km/h, ist das durchaus beunruhigend, auch andere Fahrgäste gucken besorgt aus der Wäsche, und beginnen hektisch nach dem Zugbegleiter Ausschau zu halten. Um im Falle der wohl unvermeidbaren Katastrophe wenigstens als 1. Klasse Passagier in die Opferstatistik einzufließen, begebe ich mich zum Frischmachen in den Hänger vor uns. Dort wird dann auch eine ziemlich energische Ansage über die Lautsprecher geschickt – alles gut, die Geräusche stammen von aufgewirbelten Eisplatten auf der Strecke! Ist halt Winter!

Um kurz nach eins erreichen wir dann mit der Bergbahn Bayerisch Eisenstein. Hier scheint tatsächlich sogar gerade die Sonne. Der Bahnhof liegt direkt an der Grenze, am Bahnsteigende ist man schon in Tschechien. Der Bahnbetreiber hat dort einige ältere Wagons abgestellt, zusammen mit interessant aussehenden Reisenden, und Schneehaufen, die im Sonnenschein funkeln, entsteht so eine Stimmung wie in diesem Video von Sarah Connor, das wir natürlich eigentlich gar nicht kennen!

Nach kurzer Orientierungszeit beginnen wir den Aufstieg. Eigentlich können wir nicht viel verkehrt machen! Der Gipfel, der durch zwei stillgelegte Radaranlagen gekennzeichnet wird, ist deutlich zu erkennen.

Thomas und ich hatten ja befürchtet, dass die ganze Region von Wintersportlern bevölkert wird. Auf den Skipisten über uns ist tatsächlich auch noch Betrieb, aber die Wege dorthin sind ziemlich einsam und größtenteils sogar fei von Langlaufloipen. Einmal kommen uns zwei ältere Damen entgegen. Da unsere Isomatten deutlich sichtbar an den Rucksäcken angebracht sind, erkennen die beiden gleich, dass wir zwei verwegene Zeitgenossen sein dürften. Nach freundlichem Smalltalk erklären wir dann unsere Absicht, und ernten dafür so etwas wie Anerkennung. Als ich auf Nachfrage noch erkläre, dass unser Ziel nicht zuletzt auch darin besteht, uns gegenseitig unsere Männlichkeit zu beweisen, haben wir wohl zwei weitere Fans gewonnen!

“Dermaßen beschwingt kommen wir gut voran” – steht dann üblicherweise in unseren Berichten. Heute allerdings merken wir schnell, dass die letzte Tour bereits drei Monate her ist. Jeder Meter, den wir teilweise in Schneeschuhen zurücklegen, wird hart erkämpft. Als es  zu dämmern beginnt, sind wir immer noch nicht oben. Zum Glück lassen sich aber durch die Aussicht auf eine ordentlich Portion der mitgeführten vegetarischen Ravioli die letzten Kräfte mobilisieren. Mittlerweile befinden wir uns immerhin in über 1000m Höhe. Hier beginnen, bzw. enden vielmehr die Pisten der Snowboard- und Skifahrer. Von den umliegenden Almen und Skihäusern erklingt bereits die obligatorische Apres Ski Mucke. Unser Favorit an diesem Abend ist die Uptempo Version von “Dein ist mein ganzes Herz”, mit der wir am “Berghaus” willkommen geheißen werden.  Da unsere Route parallel zu den Abfahrten verläuft, kommen uns nun immer wieder Menschen auf Brettern entgegen. Ein Anblick, an den wir uns erst einmal gewöhnen müssen, vor allem wenn man bedenkt, dass wir Ostfriesen sind, und dementsprechend nur über theoretische Wintersporterfahrung verfügen!

Weil wir uns etwas von unserer Route entfernt haben,  können wir uns nun die Skipisten aus nächster Nähe ansehen. Das ist zwar ziemlich steil, dennoch geht es trotz der Dunkelheit stetig aufwärts. Ab und zu verstecken wir uns zur Sicherheit vor den nahenden Raupenfahrzeugen, die die jetzt menschenleere Strecke für den nächsten Tag vorbereiten. Gegen sechs erreichen wir dann das erste der zwei Radome –  und haben es endlich geschafft. Unter uns können wir die Lichter der umliegenden Städte schimmern sehen Im Gipfelbereich ist es recht zügig und kalt. Beim größten Gipfelkreuz, das wir ja gesehen haben, genießen wird noch kurz die Fernsicht und beginnen dann mit der Suche nach einem geeigneten Lagerplatz. Ravioli, wir kommen!!!

Unser Abstieg über die Nordseite führt an der Alm am Gipfelplateau vorbei. Hier wird bei lauter Musik viel gelacht, nur zwei einsame Wanderer stapfen immer noch durch die teilweise hüfthohe weiße Pracht.

Nach einer halben Stunde erreichen wir dann eine Lichtung. Es liegt zwar etwa ein halber Meter Schnee,  Lawinengefahr besteht aber keine. Es kommt mir ein Artikel, den ich neulich gelesen habe, in den Sinn. Dort stand, dass mittlerweile wieder Wölfe den Bayrischen Wald bevölkern. Bevor sich aus dem Gedanken so etwas wie Angst entwickeln kann, habe ich ihn auch schon wieder vergessen. Es gilt jetzt, alle Konzentration für das Herrichten des Lagers zu verwenden! Das ist übrigens, wenn einem etwas kalt, müde und hungrig zumute ist, gar nicht so leicht!

Im Schein meiner Stirnlampe, und im Flackern von Thomas Fahrradlämpchen (Vorbereitung ist Trumpf!) beginnen wir mit vereinten Kräften eine Fläche einzuebnen. Hierzu trampeln wir mit den Schneeschuhen den Pulverschnee zusammen, und es entsteht in wenigen Minuten eine bequem anmutende Fläche von etwa 3 Quadratmetern. Für den Aufbau des Zeltes benötigen wir etwa ein halbe Stunde, was vor allem daran liegt, dass es relativ schwierig ist, die Heringe in dem immer noch recht lockeren Schnee zu verankern. Wir bemühen uns aber, dies mit größter Sorgfalt zu erledigen! Schließlich haben wir keinen Bock, mitten in der Nacht die Schlafsäcke verlassen zu müssen, um das Zelt wieder aufzurichten.

Nachdem unser Heim endlich steht, beginnt der angenehme Teil des Abends, es ist etwa neun Uhr, ab in die Koje! Vor dem Zelt bringt Thomas noch schnell die heißersehnten Ravioli in einen lauwarmen und flüssigen Aggregatzustand – ein köstliches Mahl, das wir zuzusagen im Bett zu uns nehmen. Zum anschließenden Zähneputzen muss heute ein Kaugummi reichen, dann ist Schlafenszeit!

Die Nacht ist recht angenehm, einmal schrecke ich hoch weil ich träume dass Mörder um das Zelt herumschleichen – mehr passiert nicht. Am frühen Morgen kriecht dann die Kälte in die Schlafsäcke – immerhin trennen uns nur ein paar Millimeter Kunststofffaser von der vereisten Schneedecke. Es ist Zeit aufzustehen, was der bisher unangenehmste Teil der Tour, ist. In den Schafsäcken ist es zwar kühl, vor dem Zelt aber wirklich kalt! Es ist gilt aber das alte ostfriesische Motto “Nützt ja nix – muss ja weiter gehen”. Mit klammen Fingern quetschen wir die eisigen Klötze am Ende unserer Beine zurück in die Stiefel. Da diese über Nacht im Zwischenraum von Innen-und Außenzelt standen, sind die Schnürsenkel komplett vereist, was das Ganze zu einer echten Bewährungsprobe macht.

Insgesamt benötigen wir aber zum Abbau und Herrichten viel weniger Zeit, als wenige Stunden zuvor zum Aufbau. Es ist etwa sieben Uhr morgens, der sternenklare Himmel sorgt für ausreichende Beleuchtung und wir beginnen den Marsch Richtung Bodenmais. Das Gehen ist zwar anstrengend, bringt den Körper aber schnell wieder auf Betriebstemperatur, so dass wir später nicht einmal mehr Handschuhe tragen brauchen. Als die Sonne aufgeht, wird unsere Wanderung dann schnell zu einem sehr angenehmen, morgendlichem Waldspaziergang.

Nur in einem Punkt besteht noch Handlungsbedarf: Obwohl ich meinen Wasservorrat mit in den Schlafsack genommen habe, ist er gefroren. Mittlerweile bin ich aber wirklich durstig. Zum Glück hilft ein Griff in den Schnee. Der schmilzt im Mund – nicht in der Hand, sehr schnell, und schon rinnt mir ein wenig Wasser angenehm die Kehle hinunter. Die Prozedur ist tatsächlich sogar so erfrischend, dass ich sie etwa zehnmal wiederhole. Fürs Protokoll: In extremen Situationen wird vom Verzehr von Schnee dringend abgeraten. Erstens können darin Fuchsbandwürmer enthalten sein, und zweitens entzieht das Schmelzen des Schnees dem Körper mehr Energie als er durch die Aufnahme gewinnt! Obacht also, trotzdem eine interessante Erfahrung.

Wir setzten unsere Wanderung fort, vorbei an gefrorenen Wasserfällen und beeindruckend langen Eiszapfen erreichen wir frühmorgens Bodenmais. Am Ortseingang mustern uns zwei Waldarbeiter recht kritisch, als wir erklären wie wir die Nacht verbracht haben, sind die beiden allerdings voll des Lobes für uns zwei Flachlandtiroler und Preußen!

Wir haben noch über eine Stunde Zeit bis zur Abfahrt des Zuges, darum laden wir uns noch zu einem ausgiebigen Frühstück in ein rustikales Lokal ein. Die Serviererin, die übrigens “ein Dirndl auch ausfüllen kann”, um einen Beitrag zur aktuellen Debatte zu liefern, ist sichtlich erfreut über unseren Appetit!

Dann müssen wir auch schon aufbrechen, zwischen Plattling und Würzburg beobachte ich eine Frau dabei, wie sie über eine Stunde angeregt telefoniert, und dann, noch mit dem Hörer in der Hand, einschläft ohne das Gespräch zu beenden – beeindruckend.

In Würzburg steigen wir dann um in den ICE nach Hamburg. Es ist mittlerweile Sonntag Mittag – Pendlerzeit. Bis Fulda stehen Thomas und ich darum eingequetscht im Eingangsbereich. Der Zug ist proppenvoll, was unserer guten Stimmung allerdings keinen Abbruch tut. Zusammengeschweißt zu einer temporären Schicksalsgemeinschaft kommt man schnell mit den Mitreisenden ins Gespräch, außerdem lässt einen das Verhalten von rücksichtslosen Erziehungsberechtigten eventuelle eigene Pläne zur Familiengründung noch einmal gründlich überdenken.

Nachdem wir in Kassel zum Glück Sitzplätze erkämpfen konnten, verläuft die weitere Rückfahrt gewohnt reibungslos – pünktlich zur Tatortzeit sind wir dann beide wieder zurück von unserem Survivalkurztrip.

 


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