1. August 8, 2012 by oliver

    Gipfel #11/12: Saarland/Rheinland-Pfalz

    An diesem Wochenende sollen unsere bergsteigerischen Fähigkeiten gleich an zwei Gipfeln geprüft werden: Zunächst wird mit dem Dollberg, als höchstem Punkt des Saarlandes (693m), und später, als exponiertester Punkt von Rheinland-Pfalz, der 816m hohe Erbeskopf in Angriff genommen. Für das ambitionierte Unterfangen der Doppelbesteigung haben wird uns den Support von BC100 Kollegen MC Rene gesichert. Wer sein Buch “Alles auf ein Karte-wir sehen uns im Zug” nicht kennt, hat was verpasst und kann sich ein Exemplar  z.B. hier bestellen.

    Die Tour beginnt für Thomas und mich bereits um 6Uhr10 wie immer am Gleis 14. Entlang immer noch feiernder Massen, die dem Alkoholverbot im Bereich des HVV standhaft trotzen, bahnen wir uns den Weg. Die Fahrt in dem relativ leeren ICE überbrücken wir mit mehreren kurzen Nickerchen. Neben dem Horrorfilm, mit dessen Sound später einige Jugendliche das halbe Abteil beschallen, findet kein weiteres Unterhaltungsprogramm statt.

    Nach ungefähr vier Stunden erreichen wir Frankfurt am Main, dort können wir uns beim Umsteigen noch schnell mit Kaffee und Nuss-Nougat Croissants stärken. In Mainz steigt dann Rene dazu, mit diesem verlassen wir in Türkismühle bei strahlendem Sonnenschein unser rollendes Zuhause. Nachdem wir unsere Ausrüstung verstaut haben, (eine mitgeführte Plastiktüte erweist sich als eher suboptimales Transportgerät bei einer mehr als 40km langen Wanderung) beginnt der Aufstieg in den Schwarzwälder Hochwald.

    Auffällig ist, dass trotz des Sonntagswetters kaum andere Leute unterwegs sind. Ein einziges Mal werden wir von einem einsamen Greis auf einem Kinderfahrrad überholt! Nachdem wir als Grund für den menschenleeren Wald Ursachen wie z.B. die Apokalypse oder sportliche Großereignisse ausgeschlossen haben, einigen wir uns darauf, dass die nahe Mosel wohl für viele einfach attraktiver sein mag. Dort gibt es Wein, Weib und Gesang – wir haben Leitungswasser im Gepäck, genügen uns selbst und unsere Poesie ist eine Art spontane Alltagsdichtung. In dieser Disziplin erweist sich Rene wie erwartet als Meister aller Klassen.

    So geht die Zeit schnell vorüber, nach einer etwa dreistündigen Wanderung entlang wirklich schöner Wege gelangen wir auf das Gipfelplateau des Dollberges. Hier sieht man die höchste Stelle in Form des trigonometrischen Messpunktes vor lauter Bäumen nicht. Also irren wir ein wenig in der Gegend herum – man kann von Glück sagen dass wir uns knapp unterhalb der berüchtigten Todeszone befinden! Ständig wechseln wir zwischen der saarländischen und der rheinland-pfälzischen Seite des Berges hin und her. Nach einigem Vor, Zurück und im Kreis herum, finden wir dann doch die besagte Stelle, die durch ein einfaches Hinweisschild gekennzeichnet ist. Schell zücken wir die Kameras und halten den historischen Moment fest. Für uns ist es der elfte der sechzehn Gipfel, für Rene der Erste. Glückwunsch Homie – mad Props, wie ihr HipHopper sagt!

    Weiter gehts, an einem schönen Aussichtspunkt genehmigen wir uns eine längere Rast. Wir breiten die Isomatten aus, und verputzen den ein oder anderen Müsliriegel. Wer will, nutzt die Gelegenheit zu einem Powernapping. Die Sonne scheint, es ist mucksmäuschenstill, herrlich! Wenn nur die Ameisenkohorten nicht wären. Die sind emsig damit beschädigt, den ein oder anderen Brocken der Reste unserer Cerealien abzutransportieren. Hierbei stellen unsere Arme und Beine natürliche, und gleichzeitig behaarte Hindernisse dar, die von den Sechsbeinern gekonnt überklettert werden. Schön anzusehen, juckt nur ein wenig!

    Nachdem die vereinbarten 45 Minuten um sind, raffen wir uns auf, denn es gilt die zweite Etappe des Tages in Angriff zu nehmen. Wir kommen etwa drei Kilometer weit, dann werden wir von einem Hinweisschild in seinen Bann gezogen. Angepriesen wird hier ein Fischrestaurant, das sich nur 380 Meter entfernt befinden soll! Wir tauschen einige Blicke aus, und sind dann auch schon entlang einiger Forellenteiche unterwegs in das gelobte Land. Nachdem uns dort Zugang gewährt wurde, und wir Platz auf der Außenterrasse genommen haben, ordern wir von der mehr als umfangreichen Speisekarte unser Abendbrot: Zu amtlichen Preisen gibt es zweimal Wild mit Knödeln für die Herren, und einmal Pilzrisotto für den Vegetarier. Was wir noch nicht wissen ist, dass uns eine entsagungsreiche Nacht erwartet – das köstliche und reichhaltige Mahl stellt hierzu einen eindeutigen Kontrast dar.

       

    Die untergehende Sonne erinnert uns daran, dass wir heute noch ein paar Kilometer zurücklegen sollten. Wir füllen im Restaurant noch schnell unsere Wasserflaschen auf, dann setzen wir den Aufstieg mit ebenfalls sehr gut gefüllten Mägen weiter fort. Nach dem Essen soll man ruhen, oder 1000 Schritte tun sagt man ja – ruhen würde auf jeden Fall eindeutig leichter fallen. Dennoch schafft unsere verschworene Seilschaft noch einige Kilometer, und gegen 23 Uhr erreichen wir das Gipfelplateau des Erbeskopfes. Dieses wurde letztes Jahr für über 800.000 € neu gestaltet. Viele der militärisch genutzten Einrichtungen sind einem Skulpturenpark gewichen. Lediglich eine Radaranlage ist verblieben, das monotone Brummen der Lüftungsanlage sorgt allerdings für eine beachtliche Geräuschkulisse, wie man sie aus Endzeitfilmen kennen könnte. Da dieser Science Fiction Sound unser Naturerlebnis doch erheblich stört, ziehen wir es vor, unser Lager etwa 300m entfernt, auf der anderen Seite des Gipfels aufzuschlagen. Unter den Trägern einer postmodernen Stahlkonstruktion mit dem Titel „Dialog“ des Bildhauers Martin Schöneich findet jeder von uns ein gemütliches Plätzchen, vor allem weil das Kunstwerk von feinem weißen Schotter umgeben ist. Selbst die Prinzessin auf der Erbse dürfte den vorhandenen Liegekomfort mit der maximalen Punktzahl bewerten.

    Nachdem wir uns eingerichtet haben, erzählen wir uns noch die eine oder andere Gutenachtgeschichte, Rene fragt noch “Was wird morgen sein” und schon schlafen alle zufrieden ein. Leider werden wir dann mitten in der Nacht unsanft von einem Schauer geweckt – es ist Zeit der modernen Kunst den Rücken zu kehren und einen besseren Zufluchtsort aufzusuchen. Zum Glück haben wir uns für diesen Fall schon vorher den dreistöckigen Aussichtsturm des Erbeskopfes ausgeguckt. Schnell wird alles eingepackt, und wir wanken schlaftrunken zu dem Bauwerk. Zwar sind wir dort wieder dem Lärm der Turbinen ausgesetzt, aber wenigstens ist es dort überdacht und somit trocken. Außerdem bietet der Turm die einzige Gelegenheit zu einem Panoramablick über den Hunsrück. Die nächtlichen Schauer sind dann teilweise so stark, dass wir unsere Schlafplätze auf dem eigentlich gut geschützten Holzboden im dritten Stock mehrfach verlegen müssen – es regnet rein, und das ist auf Dauer etwas unangenehm.

    Morgens zeigt sich dann der Himmel in verschiedensten Nuancen von grau, zumindest aber ist es trocken. Etwas träge beginnen wir uns für den etwa 20km langen Weg nach Idar-Oberstein zu stylen. Nicht ohne Stolz präsentiert  Rene dabei jeweils eine eindrucksvolle Blase unter seinen Füßen. Wir zollen entsprechend Respekt, allerdings müssen die Dinger weg – Fingernagel und Gürtelschnalle öffnen die Schleusen für gefühlte mehrere 100ml Flüssigkeit. Die neuen Sneakers haben ihren Tribut eingefordert. Nach dem operativen Eingriff nehmen wir dann bei Tageslicht den Gipfel in Augenschein. Beindruckend ist vor allem die begehbare Klangskulptur mit dem Namen „Windklang 816 M“. In der Werkbeschreibung heißt es:

     “Diese Skulptur, die durch den Bildhauer C. Mancke entworfen wurde, inszeniert in eindrucksvoller Weise, das Zusammenspiel von Natur und den Elementen. Tonnen von Stahl, anmutend verpackt in ein Holzkleid, inmitten der traumhaften Hunsrücklandschaft, kreieren ihre eigene Musik und geben dem Besucher, auf seinem Gang über den Steg durch die Skulptur, bis hin zum Aussichtspunkt die Möglichkeit, die Landschaft aus neuen Perspektiven zu erleben und zu empfinden. Hierbei sind der Phantasie des Besuchers keine Grenzen gesetzt. Jedes Wetter spielt hierbei seinen eigenen ‘Song’ so dass sich ein Besuch bei jeder Wetterlage lohnt.
Betrachten Sie den Hunsrück vom höchsten Berg in Rheinland-Pfalz mit der Natur und den Elementen als Orchester.”

    Wir kommen der freundlichen Aufforderung nach, sind entsprechend beeindruckt und erstellen das ein oder andere Foto. Dann machen wir uns dann auf den Rückweg. Dieser soll beschwerlich werden – nicht alle werden das Ziel wie geplant erreichen. Im Fernsehen würde nach einer solchen Ankündigung eine Werbeunterbrechung erfolgen – hier nicht, aber wenn wir schon dabei sind, besuchen Sie doch einmal diese Seite.

       

    Nach den Verbrauchertipps geht es dann weiter – nutze den Tag, bevor er zu Ende geht lautet das Motto. Wie sich relativ schnell herausstellt, war das Aufstechen der Blasen unter den Füßen von Rene zwar interessant anzusehen, besonders großen therapeutischen Nutzen hat es allerdings nicht gebracht. Jeder Schritt schmerzt ihm sichtlich, wir kommen nur sehr langsam voran. Es ist Zeit für eine Entscheidung, denn so werden die noch ausstehenden ca. 15 Kilometer zur Qual. Wie aus dem Nichts entdecken wir am Wegesrand ein Hinweisschild das Erlösung verspricht – Fun & Joy, 300m steht dort in großen, bunten Lettern geschrieben. Wir gehen entlang der kaum befahrenen Bundesstraße, und gelangen an den Parkplatz des versprochenen Etablissements, bei dem es sich um ein/en „Pärchenclub und Erotikhotel“ handelt. Vor dem Gebäude stehen etwa 30 PKW und warten auf ihre Besitzer, die sich noch schlafend von der wilden Party der letzten Nacht erholen. Rene lässt sich derweil per Auskunft die Nummern von ein paar regionalen Taxiunternehmen geben. Der notwendige Anruf gestaltet sich für alle Beteiligten relativ unterhaltsam, gilt es doch, sich direkt vor dem Swingerclub einsammeln zu lassen. Dann heißt es warten. Nach mehr als 45min ist die Roswitha, so lautet der Name der Taxifahrerin, wie wir durch mehrere Telefonate inzwischen wissen, immer noch nicht da. Leider müssen Thomas und ich so langsam weiter und wir überlassen Rene seinem Schicksal. Das klingt hart, aber es ist ja bekannt, dass es bei Abenteuerexpeditionen im Extrembereich knallhart zugeht!

    Nach einer herzlichen Verabschiedung setzen wir unseren Marsch fort, während Rene sich auf seinen Rucksack direkt an die Straße setzt. Auf bald, wir sehen uns (wenn das Ganze hier gut ausgeht…)auf Deiner Lesung in Hamburg.

    Der Rest des Rückwegs ist schnell erzählt, im schönen Allenbach besuchen wir ein Volksfest. Hier intoniert ein etwa 20 köpfiger Posaunenchor für etwa 10 Besucher ein Medley aus Hits wie „Der Lenz ist da“ oder „Ein Freund ein guter Freund“ . Untermalt von solchen Klängen schmecken Bratwurst und Cola besonders gut.

    Am frühen Nachmittag sind wir dann froh in Idar-Oberstein anzukommen, dort erreicht uns auch die Nachricht dass Rene von Roswitha sicher eskortiert wurde, und wohlbehalten zurück in die Zivilisation gelangt ist. Ende gut alles gut, auch unsere Rückfahrt verläuft dann gewohnt ereignisarm, nette Gespräche verkürzen die Fahrtzeit erheblich.

    Soviel zu den Ereignissen zu unseren Gipfeln elf und zwölf. In zwei Wochen versuchen wir uns dann am Großen Beerberg in Thüringen. Bericht folgt –selbe Zeit, selber Ort.

                   


    Größere Kartenansicht


  2. Juli 29, 2012 by oliver

    Gipfel #10: Hessen

    Nach unserer Sommerpause ging es am Wochenende zur mittlerweile zehnten Station auf unserer “Tournee” in die Rhön. Hier steht mit der 950m hohen Wasserkuppe der höchste Gipfel von Hessen.

    Wir haben uns ja mittlerweile angewöhnt, einige Basics in Vorbereitung auf die jeweilige Region zu erfüllen. Hierzu gehört natürlich auch das Studium des Wetterberichtes. Bei www.wetter.com erhält man eine besonders schöne Auswahl an verschiedenen Wetterszenarien: Donnerstagabend ist die Prognose des Seitenbetriebers für die Rhön noch eindeutig, weniger als 20% Regenwahrscheinlichkeit verleiten dazu, auf das immense Gewicht von Regenjacke und Wechselsocken zu verzichten.

    Leider stellt sich die meteorologische Situation schon am Freitag etwas anders dar, besonders die Nacht verspricht laut besagter Website ein wenig ungemütlich zu werden. Wir verständigen uns hierzu per SMS, sind aber einstimmig der Meinung uns der Herausforderung trotz dieser Widrigkeit mannhaft stellen zu wollen. Außerdem zeigt die Erfahrung, dass die Niederschläge häufig weniger stark ausfallen oder auch ganz ausbleiben…

    Weil die Fernzüge an Freitagnachmittagen häufig sehr gut gefüllt sind, haben wir uns diesmal einen Trick überlegt – einer steigt bereits ab Dammtor zu. So kann man einige Handtücher in guter alter Tradition über die schönsten Plätze werfen. Das klappt hervorragend, nur dauert es so einige Zeit bis wir schließlich zueinander finden.

    Unsere Fahrt geht zunächst bis Fulda, dort kommen wir dann gegen neun Uhr an. Nach der obligatorischen Stärkung mit einer großen Portion Pommes für nur 1,20 € fahren wir mit dem Regionalzug der Hessischen Landesbahn weiter Richtung Gersfeld.

    Das Wagenmaterial der HLB ist topmodern. Im Inneren befinden sich sogar an jedem Platz Steckdosen für Gameboy, Discman und Co. Allerdings macht das Schienenfahrzeug vom Typ “Desiro” Geräusche wie man sie von einem Zimmer auf der Intensivstation kennen könnte. Am besten ist das Zisch- und Schnarrgeräusch zum Öffnen und Schließen der Türen. Das wird nämlich von einem ziemlich penetranten Signalton begleitet. Wenigstens schlafen wir so nicht versehentlich ein, und können auf der halbstündigen Fahrt das schöne Panorama der Gegend in voller Pracht würdigen.

    Als wir dann in Gersfeld angelangt sind, ist es bereits ziemlich dunkel, was uns allerdings nicht davon abhält, unverzüglich mit unseren Marsch Richtung Norden zu beginnen. Der Ort ist ziemlich menschenleer, auch die wenigen Kneipen sind kaum gefüllt. Lediglich in einem Haus ist Partytime- dort wird in voller Lautstärke der Radetzky-Marsch, einigen evtl. besser bekannt als “das Bonduelle-Lied”, gespielt  – und teilweise sogar lautstark mitgesungen. Hier geht was!

    Wir nutzen die Marschmusik entsprechend ihrer originären Bestimmung zum Marschieren, und gelangen schnell außerhalb des Ortes. Nach einigen Kilometern entscheiden wir uns die Schlafenszeit einzuläuten. Wir beziehen hierzu Quartier in einer Schutzhütte am Rande des Wanderweges. Das Häuschen ist perfekt als Niederschlagsschutz für bis zu vier Personen geeignet – wenn diese nebeneinander stehen. Zum Schlafen ist es etwas eng, doch da es entgegen aller Prognosen nicht regnet, beschließen wir, dass einer von uns vor der Hütte seine Isomatte ausrollt. Ich werde hierfür als Freiwilliger bestimmt, Thomas richtet sich innerhalb der drei Holzwände mit unserem Gepäck ein. Tee gibts diesmal keinen, der hierfür notwendige Kocher wollte wohl lieber bei seinen Kumpels Regenjacke und Wechselsocken bleiben.

    Es ist mittlerweile fast Mitternacht, die weithin sichtbaren Sterne und eine beinahe Windstille bestärken uns in der Hoffnung auf eine ruhige und vor allem regenlose Nacht vor dem Gipfelsturm. Wir schlafen beide schnell ein. Irgendwann wache ich dann auf, weil ich während einer Drehung meine Nase in irgendein feuchtes und schleimiges Objekt gesteckt habe. Mit Hilfe meiner Stirnlampe verschaffe ich mir schnell einen Überblick über die Situation, es handelt sich um eine etwa 5cm lange braune Nacktschnecke,  bzw. um ganz präzise zu sein, um Arion subfuscus, die Hellbraune Wegschnecke[. Ich hege keinen Groll gegen das Tier, vor allem weil ich respektiere, dass wir uns hier in seinem angestammten Lebensraum aufhalten und eigentlich nur Eindringlinge mit Riesenrucksäcken und stinkenden Socken sind. Darum befördere ich den ungebeten Besucher unter Zurhilfenahme eines großen Löwenzahnblattes sanft in die uns umgebende Wiese. Hiernach schlafe ich mit guten Gewissen schnell und friedlich wieder ein.

    Später wache ich erneut auf, diesmal weil entweder ein alter Bekannter oder einer seiner Artgenossen auf meiner Wange sitzt. Das ist etwas unangenehm, vor allem weil der sich der Schleim wie Kleister über die Poren legt. Ich gebe zu, dass ich ein etwas lauteres Geräusch des Unmutes ausstoße. Folge hiervon ist erstens, dass eine Kuh in der Nähe laut zu schreien (nicht zu muhen – eher ein schmerzverzerrtes Röcheln) beginnt, und zweitens auch Thomas wach wird. Der wird dann Zeuge davon, wie ich mir Schnecke und Schleim aus dem Gesicht entferne. Im Anschluss hieran lege ich mich dann an das Kopfende, weil ich in meiner Eigenschaft als selbsternannter Schneckenfachmann annehme, ein Hindernis auf einer Art Schneckenautobahn darzustellen.

    Beim Biwakieren baue ich mir immer eine Art Kopfkissen aus Schlafsackhülle und Kleidungsstücken. So auch diesmal, und jetzt freue mich nach der 180 Grad-Drehung mein Haupt hierauf zu betten und den Rest der Nacht ungestört zu verbringen. Leider, und an dieser Stelle wird es jetzt wirklich etwas unschön, presse ich meine Wange dabei an den Körper einer weiteren Schnecke. Die wird hierbei zumindest beschädigt, was zu einer nicht unerheblichen Melange aus Schleim und sonstigem Kram an meiner Backe führt. Da mir dies nur bedingt gefällt, schreie und fluche ich ein wenig in der Gegend herum. Nachdem mich dann Thomas freundlicherweise darauf hinweist, das dies an meiner Situation nichts ändert, und darüber hinaus auch ein wenig würdelos ist, beruhige ich mich, und reinige mir mit feuchten Gräsern und Blättern so gut es geht das Gesicht. Für den Rest der dann relativ kurzen Nacht verbarrikadiert sich der Naturbursche dann hinter den Kapuzen von Pullover, Schlaf- und Biwaksack, und verbucht die Ereignisse als beinahe kafkaeske Anekdote.

    Übrigens merkt man an dieser Stelle, dass wir abenteuermäßig noch einiges lernen müssen: Rüdiger Rehberg zum Beispiel hätte die nächtlichen Besucher als verspätetes Abendbrot oder gar Frühstück direkt ans Bett begrüßt!

    Zum Aufstehen am Samstagmorgen setzt dann “endlich” auch der versprochene Regen ein. An dieser Stelle möchte ich meinem Freund Thomas von Herzen danken, denn er stellt mir großzügig seine Regenjacke zur Verfügung. Das Tragen dieses hochfunktionalen Kleidungsstückes soll für den Rest des Tages unerlässlich bleiben.

    Entlang menschenleerer Wege, die von farbenprächtigen Feldern mit braunen Kakaokühen drauf gesäumt werden, gelangen wir schnell zum scheinbar verlassenen Gipfel der Wasserkuppe. Hierauf befindet sich eine Radarstation, die zur Zeit des Kalten Krieges noch von der Bundeswehr betrieben wurde. Heute kann man im “Radom” u.a. Infotainment und Fernsicht für nur 2€ genießen Während wir uns noch nach einem Gipfelkreuz umsehen, geht ein heftiger Schauer nieder. Dieser zwingt uns dazu, mehr schlecht als recht Unterschlupf im Eingangsbereich des Radoms zu suchen. Wie wir während unserer Zwangspause quasi nebenbei lernen, stammt der Name Wasserkuppe nicht daher, dass es hier so besonders niederschlagsreich ist und mehr als 30 Bäche von der Wasserkuppe entspringen. Namenstiftend ist vielmehr das mitteldeutsche Wort „Wass“, und das bedeutet so viel wie Weideplatz.

    Soviel zum Bildungsprogramm, nachdem der Regen dann etwas nachgelassen hat, umrunden wir schnell das Gebäude und sehen uns nach einer guten Gelegenheit für ein vorzeigbares Gipfelfoto um. Doch leider ist alles grau und die Fernsicht gleich null, in dieser Suppe verlieren wir sogar kurzzeitig die Orientierung. Das Foto, das wir dann auf Rücksicht auf die sensible Technik binnen Sekunden quasi im Vorbeigehen erstellen, bringt durch die spontane Komposition und relative Unschärfe auf jeden Fall Authentizität zum Ausdruck.

    Nach etwa einer Stunde strammen Marsches können wir dann zum Glück in der “Enzianhütte” einkehren.  Als verspätetes Frühstück werden uns heißer Kaffee, Brezeln und Zwiebelkuchen angeboten. Nach dem fürstlichen Mahl steht eine Entscheidung an: Der Regen hat kaum nachgelassen, die Prognose des Wirtes verheißt auch kaum Besserung. Auf noch mehr Regen haben wir keinen Bock mehr, den gibt es in Hamburg auch, aber da kann man dann Galao trinken- außerdem tut mein Knie weh. Da Tagesziel ist erreicht, genug Grenzgang für diese Wochenende, wir beschließen umzukehren. “Können ja noch mal wieder kommen…”Nach dem Gipfelsieg starten wir dann Richtung Milseburg.  Hier soll man die Rhön in all ihrer Pracht bewundern können. Der Weg in das gelobte Land führt uns hinab von der Wasserkuppe, und ist auf jeden Fall sehr rutschig. Mehr als einmal sind wir kurz davor einen Teil des Abstieges auf dem Hosenboden zurückzulegen!

    Der Rückweg nach Gersfeld, bei dem uns wie gewohnt Google Maps leitet, führt über einen kleinen Bach. Leider fehlt eine Brücke, so dass wir das Gewässer mit einem mutigen Sprung überqueren müssen. Hierbei geht leider ein Teil der Ausrüstung verloren. Wenigstens bleiben wir gesund und erreichen am frühen Nachmittag den Bahnhof um die ereignislose Fahrt nach Hause zu starten. Ach so, der Regen hat mittlerweile aufgehört – und als wir abends die Elbbrücken überqueren lacht uns von einem beinahe wolkenlosen Himmel die Sonne aus, bzw. an.

    In zwei Wochen geht es weiter, dann in Begleitung eines Nomaden und Comedian in Personalunion – mehr wird erstmal nicht verraten!

    Größere Kartenansicht


  3. Juni 24, 2012 by oliver

    Gipfel #9: Nordrhein-Westfalen

    Vor der Sommerpause (sorry, ihr knapp130 Facebookfans) sind wir an diesem Samstag auf dem Weg zum neunten Gipfel unserer Tour. Ziel des heutigen Tagesausfluges ist der höchste Punkt von Nordrhein-Westfalen, der 843m hohe Langenberg. Dieser befindet sich im Hochsauerland, 15m entfernt von der Landesgrenze zu Hessen.

    Nachdem wir uns wir uns am Vorabend etwas früher aus einer Geburtstagsgesellschaft ausgeklinkt haben, treffen wir uns in beinahe alter Frische um 7:46 am Gleis14 zur Fahrt nach Willingen. Gut drei Stunden Fahrtzeit vergehen, dann geniessen wir beim Umstieg in Hagen zarten Sonnenschein und Ruhrpottatmosphäre. Verrostete Schienen und Industrieruinen an beiden Seiten des Bahnhofes erinnern an vergangene Zeiten.

    Beim Erwerb von Kaffe und Gebäck (Freundschaftsherzen) dürfen wir auch noch was lernen: Ein Einheimischer (der aufgrund seiner Bahnermütze auch als Bahnhofsvorsteher fungieren könnte) bestellt nämlich im besten Ruhrpottslang afrikanischen Kaffee. Da es sich hier um einen kleinen Bahnhofskiosk handelt, sind wir sehr erstaunt über das breite Angebot, selbst Starbucks hält diesen Kaffee nicht vor und wir rätseln, was jetzt über den Tresen gereicht werden wird. Die Verkäuferin rätselt übrigens genau so, weshalb sie auch nachfragen muss. Afrikanischer Kaffee, so stellt sich dann heraus, ist natürlich Kaffee Togo!

    Nach dieser Lektion erreichen Thomas und ich gegen Mittag das Rothaargebirge. Die Fahrt verging übrigens wie im Flug, denn zwei weibliche Erstsemester unterhielten uns und den Rest des Großraumabteils mit ihrer angeregten Plauderei. Die Beiden werden auf jeden Fall die Welt verändern, jede Wette – diesmal bestimmt!. Beim Ausstieg aus der Regionalbahn begegnen wir dann der ersten Gruppe Junggesellabschied feiernder Männer. Begegnungen dieser Art sollen heute noch zahlreiche weitere folgen. Wir kaufen weder Schnaps, noch Tennisbälle oder Pornospielkarten, geben dem Bräutigam in spe aber trotzdem gerne einen Euro aus der Reisekasse. So freundlich gestimmt, erklärt er sich gern für das Posieren zu beigefügter Abbildung bereit. Wir wollen auch gern ein gemeinsames Foto mit dem jungen Mann ins Portfolio nehmen, doch die professionelle Kameraausrüstung und unserer forsches Auftreten verunsichern den Guten wohl, er gibt sich eher schüchtern.

    Vom Bahnhof aus geht es dann schnurstracks gen Gipfel. Wie immer habe ich die Wegbeschreibung ausgedruckt, nach fünf Minuten verlassen wir uns dann ebenfalls wie immer auf die Navigation per iphone. Wir sind es ja gewohnt, von eher verschlafen anmutenden Ortschaften aus zum Gipfelsturm aufbrechen. In Willigen ist alles anders! Zahlreiche Jugendliche, Jungerwachsen und Junggebliebene tummeln sich in den Strassen  innerhalb von 15 Minuten begegnen  wir z.B. wieder drei Junggesellenabschiedsgesellschaften (2x männlich, 1x weiblich). Bei dieser Gelegenheit drängt sich dem Soziologen in mir folgende Frage auf: Ist es sozusagen verbrieft, dass der Jungesellenabschied in einer geschlechtlich homogenen Gruppe zu erfolgen hat? Platonische Freundschaft über Geschlechtergrenzen hinweg wird so ja faktisch ausgeschlossen. Ist dies noch zeitgemäß?

    Wie dem auch sei, wir beginnen entlang von Seilbahnen, Gondeln und Kühen unseren Aufstieg.  Bei den Rindviechern handelt es sich übrigens um “Schwarzbunte”, was in Kombination mit den Sesselliften und Almen für uns Nordlichter ein sehr ungewohntes Bild ist – wir hätten braune Kakaokühe als Teil der Komposition erwartet. Trotz leichter Verunsicherung kommen wir gut voran, auch unsere spontane Abmachung, bei der Überquerung von Flüssen die Benutzung von Brücken auszuschließen, führt kaum zu Verzögerung.

    Auch in mittlerweile über 600 Meter Höhe sind wir keinesfalls allein am Berg. Von “Ausgesetzt sein” keine Rede.Zahlreiche niederländische Läufergruppen in einheitlichen Trikots  bevölkern die Aufstiegsroute. Im interkulturellen Dialog bringen wir in Erfahrung, dass es sich um ein Seminar zur Teamentwicklung im über 800 Mitarbeiter starken Unternehmens handelt. Die Kolleginnen und Kollegen absolvieren ihre Übungen teilweise mit viel Geschrei, die Ruhe des Waldes wird hierbei empfindlich gestört. Wir sind darum froh, das uns Google auf einen nicht mehr genutzten Weg leitet. Hier müssen wir uns zwar durch das Gehölz kämpfen und mit Zeckenbissen rechnen, können uns dafür aber wenigsten auch miteinander unterhalten.

    Allerdings ist der Aufstieg entlang des völlig zugewachsen Pfades recht anstrengend, weshalb wir ins Schwitzen geraten. Dies könnte der Grund dafür sein, dass wir selbst hin dieser relativen Abgeschiedenheit schnell Gesellschaft kriegen. Diesmal hat es Freundin Fauna besonders gut mit uns gemeint  – die nächste halbe Stunde umschwirren uns mehrere Fliegen-schwärme. Gutes Zureden, mit den Armen herumfuchteln oder kur Sprints, nichts hilft.  Wir werden die Viecher nicht los!  Zum Glück befinden wir uns  jetzt sozusagen auf dem Gipfelplateau. Hier ist der Baumbestand recht niedrig, und gegen den Wind kommen unsere mutmaßlich blutsaugenden Begleiter schließlich nicht mehr an.

    Auf dem höchsten Punkt von Nordrhein-Westfalen angelangt,  erwartet uns ein riesengroßes Gipfelkreuz, inklusive Gipfelbuch. Fernsicht ist leider nicht vorhanden, weshalb es nach der Absolvierung der bekannten Prozedur  schnell wieder an den Abstieg geht. Diesmal entlang eines anderen Weges, was sich als Glückstreffer erweist, da wir nun tatsächlich kaum anderen Bergsteigern begegnen.

    Die knapp sechs Kilometer sind allerdings schnell abgerissen. Zurück im Ort kehren wir in einem American Diner am Bahnhof ein. Hier stärken wir uns mit Pommes und Hamburgern (50% des Teams wählen die vegetarische Variante) für die Rückfahrt. Der Laden selbst füllt sich zusehends, schnell ist die Stimmung mit der vom Mc Donalds am Kiez an einem Freitag oder Samstag Abend zu vergleichen. Wobei – hier in Willigen sieht man bereits gegen vier Uhr nachmittags nackte Männer durch denn Kreisverkehr laufen (stimmt wirklich, nur zum Fotografieren sind wir nicht gekommen)!

    Es ist also Zeit loszufahren, der nächste Zug geht allerdings erst in knapp einer Stunde. So besteht noch Gelegenheit  den Ort und seine Geheimnisse  zu erkunden. Es folgen zahllose Begegnungen mit Betrunkenen und solchen die es werden wollen. In Willigen, so stellt sich heraus, sorgt an den Wochenenden sogar ein privater Sicherheitsdienst für Ordnung. Bemerkenswert erscheint uns auch, dass mehrere Feiernde sehr bestimmt versuchen Autofahrer zum Autokorso zu ermuntern.

    Das Länderspiel zwischen Deutschland und Griechenland fand allerdings bereits am Vorabend statt, weshalb die Insassen der ganzen Aktion eher ablehnend gegenüberstehen. In einem von mehreren Gesprächen mit den Passanten (nicht immer funktionierte die Kommunikation reibungslos) erfahren wir, dass Willingen die Partyhochburg des Sauerlandes ist. Für Leute, die etwas erleben wollen, ist es die Topadresse! Und es gibt einiges zu sehen: Bis nachmittags kehrt man z. B. in Siggis Hüte ein, dort gibt es neben einem breiten Angebot an Alkohol als Highlight Erbsensuppe, die in Biergläsern serviert wird. Wir müssen nun aber wirklich los, nächstes Mal bestimmt!

    Am Bahnhof, in dessen Wartehalle natürlich eine Art Theke integriert ist, überrascht es dann auch nicht, dass aus den ankommenden Zug gleich mehrere Gruppen in gleichfarbiger Kleidung und mit Bollerwagen ausgerüstet aussteigen. Sofort werden Radiergummis in Penisform, Underberg und Feuerzeuge offeriert. Die Verstärkung ist da! Sie scheint auch nötig, denn einige der Wartenden am Bahnsteig berichten uns von ihrer nunmehr vierzig Stunden andauernden Party.

    Die Rückfahrt ist schnell erzählt, wir absolvieren längere Aufenthalte in Korbach und Kassel. Die Wartezeit vertreiben wir mit freundlichen Gesprächen und Besuchen verschiedener Gastronomiebetriebe. Zurück am Hauptbahnhof in Hamburg erinnern uns dann Bierdunst und vereinzelte Bauchläden mit einschlägigem Sortiment an unsere wilde Zeit in Willigen, dem El Arenal des Sauerlandes.

     


    Größere Kartenansicht


  4. Juni 14, 2012 by oliver

    Gipfel #7/8: Sachsen-Anhalt / Niedersachsen

    Für dieses Wochenende haben wir ja, wie angekündigt, die “Doppelüberschreitung” Saarland/Rheinland Pfalz geplant. Zur Feierabendzeit am Hauptbahnhof angekommen stellen wir dann allerdings fest, dass der Zug Richtung Frankfurt am Main zunächst 10, dann 20 und später 40 Minuten “betriebsbedingte” Verspätung hat. Man braucht kein Mathegenie zu sein, um zu erkennen, dass wir bei einer Umsteigezeit von 20 Minuten in der Finanzmetropole unseren Anschluss Richtung Saarland verpassen werden.

    Wir verspüren nicht viel Lust die Nacht im Frankfurter Bahnhofsviertel zu verbringen, darum entscheiden wir uns spontan einen der anderen noch verbleibenden 16 Gipfel in Angriff zu nehmen. Wir nehmen also einfach den nächsten Zug gen Süden, und nach einer kurzen Phase der Unentschlossenheit steht das Ziel fest: Es geht in den Harz. Hier ruft der z.B. der Brocken als höchster Gipfel von Sachsen-Anhalt (1141m). Seinen südlichen Nachbarn, den Wurmberg mit 971 m Niedersachsens höchster Punkt, wollen wir entsprechend unseres nachhaltigen Ansatzes gleich mitnehmen.

    Da wir für die neue Planung kein passendes Kartenmaterial dabei haben, kontaktieren wir noch schnell Frank S., seines Zeichens Wanderbruder und Eigentümer einer formschönen Wanderkarte für den Harz. Dieser gibt uns in Hannover beste Wünsche und die benötigte Karte mit auf den Weg. Nun einigermaßen gut ausgerüstet, erreichen wir gegen halb 11 abends Ilsenburg im Ostharz. Entlang der Straßen des beinahe schon schlafenden Ortes machen wir uns auf Richtung Brocken. Wir kommen in den Wald, und wie aus dem Studium einschlägiger Märchenbücher bekannt, ist es dort nachts recht dunkel und auch ziemlich kalt. Zunächst noch mittelblau, verändert sich die Farbe der Umgebung schnell über dunkelblau zu tiefschwarz. Man sieht die Hand vor Augen nicht mehr!

    Wir haben zum Glück eine Stirnlampe dabei und können das Nötigste erkennen. Abgesehen vom Geheul der Wölfe und dem ein oder anderem Zombie am Wegesrand präsentiert sich der Wald friedlich und wir gelangen zu einer recht komfortablen Schutzhütte, auf deren Boden wir die Nacht verbringen werden. In guter ostfriesischer Tradition kochen wir noch einen Tee und legen uns dann zur Ruhe, während nebenan die Ilse friedlich vor sich hin plätschert.

    Nach kurzer, aber doch erholsamer Nacht geht es dann morgens um sechs weiter Richtung Brocken. Wir entscheiden uns für den nicht ganz so steilen Aufstieg über den Heinrich-Heine-Weg. Im Vergleich zu unserem letzten Gipfel in Mäc-Pomm, der ja kaum 200m hoch ist, haben wir jetzt mehr als die fünffache Höhe zu bewältigen – um ehrlich zu sein ist der Brocken ja der erste “richtige” Berg unserer Tour. Trotz dieser ungewohnten Belastung sind wir bereits um acht Uhr auf dem bekannt zugigen Brockenplateau. Wegen des relativ starken Windes fallen Gipfelfreude und Fotosession diesmal recht leidenschaftslos aus, wichtiger ist uns ohnehin schnell an ein leckeres Frühstück zu gelangen. Doch leider sind noch alle Möglichkeiten zum Einkehren fest verrammelt, wir müssen uns also noch eine Stunde gedulden, bis wir mit der Einnahme von überteuerten, mit Käse und Salami belegten Aufbackbrötchen und Müller Milchreis (Schoko) beginnen können. Der Fairness halber muss man auch zugeben, dass die geschmackvolle Dekoration an den Wänden der Lokalität eigentlich jeden Preis rechtfertigt.

    Nach der Stärkung, und mit dem Selbstbewusstsein frisch gebackener Gipfelsieger ausgestattet, starten wir dann Richtung Wurmberg. Der stellt für uns gebürtige Niedersachsen neben dem Hamburger Hasselbrack ja sozusagen ein zweites Heimspiel dar. Mittlerweile hat sich auch die Sonne raus getraut und trocknet unsere verschwitzen T-Shirts, die wie Trophäen verwegen an unseren Rücksäcken baumeln.

    Während uns jetzt die ersten Wanderer entgegenkommen, sind wir schon wieder mit dem Abstieg, bzw. einem zweiten Aufstieg beschäftigt. In der Höhe des Brockenbahnhofes kommt uns übrigens eine leibhaftige Legende entgegen, der 80jährige “Brocken-Benno”, der heute seinen 6680ten Brockenaufstieg absolviert (http://www.brocken-benno.de/). Ehrfurchtsvoll lassen wir ihn passieren, für Fotos oder gar ein Gespräch bleibt leider keine Zeit.

    Wir gelangen über einen ehemaligen Grenzweg zügig in die Nähe des Wurmberges, wo wir erneut einkehren um eine Gulaschsuppe und einen Snickers zu erwerben. Die nochmalige Stärkung weckt die notwendigen Kräfte, und wir kommen entlang der Skisprungschanze noch vor Mittag auf den Gipfel des Wurmberges. Hier begrüßt uns der für die Harzgipfel so typische Geruch von Frittierfett, was Thomas und mich zum dritten Einkehren an diesem Tage animiert. Diesmal gibt es vorzügliche Pommes und eiskalte Cola, die wir gekonnt direkt vor der Gipfeltafel des Berges verzehren.

    Im Anschluss hieran starten wir dann den Rückweg über Schierke nach Wernigerode. Entlang einiger wirklich schöner Passagen durch den Wald, und begleitet von den Geräuschen der Brockenbahn, kommen wir am späten Nachmittag in Wernigerode an. Dort herrscht Volksfeststimmung, denn in der Abstellanlage sind zahlreiche  Bahnfahrzeuge verschiedenster Bauart zu sehen. Noch zahlreicher ist nur die Häufigkeit mit Thüringer Rostbratwurst ausgerüsteter Bahnfans im Gleisbereich, die das bunte Treiben mit ihren Kameras festhalten. Die Gespräche dieser Menschen, die ich ganz respektvoll als Bahn-Nerds bezeichnen möchte, drehen sich um allerlei technische Details. Unser Bahnwissen beschränkt sich lediglich auf An- und Abfahrtszeiten – es ist an der Zeit aufzubrechen.

    Über Hannover erreichen wir das samstagabendliche  Hamburg. Am Bahnhof ist ungewohnt wenig los, kaum Jungesellenabschiede, keine Emo-Jugendlichen, und dennoch liegt eine gewisse Spannung in der Luft. Woran liegt dies? Ist Ausverkauf bei Schlecker, läuft die letzte Folge von Grey’s Anatomy oder findet heute irgend ein anderes bedeutendes Ereignis statt? Der Blick auf einen der Monitore am Bahnsteig gibt Auskunft: Fußball EM – Deutschland gegen Portugal. Noch steht es 0:0, wir sind rechtzeitig zur zweiten Halbzeit zu Hause.

    In zwei Wochen geht es weiter. Zur Überbrückung der Wartezeit gibt es bei Facebook ein Gewinnspiel.


    Größere Kartenansicht


  5. Mai 23, 2012 by oliver

    Gipfel #6: Mecklenburg Vorpommern

    Wir befinden uns auf der Fahrt von Strasburg nach Lübeck. Draussen ist es fast 30 Grad warm, Thomas pennt, und ich versuche mich am vorliegenden Reisebericht. Heutiges Tourziel ist der Helpter Berg, mit 179 m Mecklenburg Vorpommerns höchster Gipfel. Dieser liegt 3km südlich von der Ortschaft Helpt – ungefähr 30km vor der polnischen Grenze.

    Allein die Fahrt dorthin dauerte länger als Auf- und Abstieg zusammen. Wie hat neulich noch einer unserer zahlreichen Facebook Fans bemerkt “Was für eine Zeitverschwendung”. Ich werfe 5 Euro ins Phrasenschwein und merke an “Der Weg ist das Ziel”.

    Jedenfalls sind wir so früh unterwegs, dass wir im Zug nach Lübeck noch auf einige gut gelaunte Partypeople treffen. Bereits in der S-Bahn konnte man die spannende Mischung aus frisch geduscht und verfeiert bestaunen. Für einige beginnt der Tag gerade erst, während dieser für andere gerade endet, auch wenn sie dies häufig noch nicht ganz wahrhaben wollen.

    Ab Lübeck geht es gemütliche 3 1/2 Stunden Richtung Stettin. Wir passieren historisch bedeutsame Orte wie Mölln und Bad Kleinen, und es wird teilweise polnisch gesprochen. Kurz vor unserem Ziel, dem Hauptbahnhof von Oertzenhof, können wir dank unseres fotographischen Gedächtnisses bereits die Helpter Berge ausmachen, befindet sich hier doch weithin sichtbar ein formschöner Fernsehturm.

    Wir verlassen an einem menschenleeren Bahnhof den Zug und starten nach einigen Streck- und Drehbewegungen zur Auflockerung den etwa 5km langen Marsch gen Gipfel. Der erste Einheimische der uns in der namenstiftenden Ortschaft Helpt begegnet, begrüßt uns mit einem schwer zu verstehend Satz: Irgendwas zwischen “Wer seid ihr denn” oder “wieviele seid ihr”? Er ist schwer zu verstehen, die Botschaft ist uns unklar- eindeutig ist lediglich dass es sich bei dem Mann nicht um den bekannten Talkshowliebling Richard David Precht handelt. Übrigens treffen wir den Onkel auf dem Rückweg erneut, da sagt er dann nix mehr sondern schaut nur noch keck!

    Wir kommen gut voran, erfreuen uns dabei an dem relativ naturbelassenen Mischwald und geniessen die für uns “Stadtmenschen” ungewohnte Stille. Kein Zivilistationslärm weit und breit!

    Als wir uns so etwas wie dem Gipfelgrat nähern, ist es mit der Stille vorbei, wir sind nicht die Einzigen am Berg! Darauf waren wir nicht gefasst, und ducken uns zu Beratung ins Dickicht. Wir beschliessen uns unauffällig zu verhalten, nesteln die Klamotten in den Modus “halbwegs seriös” und begeben uns zum Gipfel. Auf der von der Evangelischen Gemeinde Woldegk angebrachten Bank befindet sich eine vierköpfige Familie, die uns mit fröhlichem Gesang begrüßt. Nach einem kurzen verbalen Abtasten kommen wir überein uns sympathisch zu finden und tauschen einige Anekdoten aus.

    Nachdem sich die Vier verabschiedet haben, führen wir die Standardprozedur durch, es gibt hier mal wieder die Möglichkeit sich in einem Gipfelbuch zu verewigen (es handelt sich um einen Kasten, in dem man seine Botschaft der losen Zettelsammlung hinzufügen kann).

    Wir sind jetzt fast 6 Stunden unterwegs, da sich bisher nichts spannendes ereignet hat, beschließt Thomas spontan sich beim Erklettern einer beinahe 5m hohen Birke einige zumindest semispektakuläre Verletzungen am Arm zuzufügen. Hut ab vor soviel Einsatz für unsere Sache, auch wenn dieser langfristig unser gesamtes Vorhaben gefährden könnte.

    Nachdem die Tränen getrocknet sind, beginnen wir den Abstieg. Hier begegnen wir weiteren Abenteurern. Respektvoll nicken wir der älteren Dame und ihrem mutmaßlichem Enkel  zu, während diese sich an den Aufstieg wagen. Der Kleine macht übrigens keinen besonders motivierten Eindruck, darum nimmt ihn Oma entschlossen an die Hand. Ob er es allerdings mit dieser Einstellung bis ganz nach oben schaffen wird?

    Wie wir nur wenige Augenblicke später feststellen, haben die beiden ihre Fahrräder voller Vertrauen auf Gott und  vor allem ohne abzuschließen an einem Baum am Wegesrand abgestellt. In den Fahrkörben befinden neben Helmen und Handtüchern auch Kekse. Da unsere Vorräte mittlerweile aufgebraucht sind, ist die Versuchung groß, jedoch halten uns die Angst vor der Entdeckung und eine weitestgehend gute Erziehung von dieser Schandtat ab.

    Es geht weiter auf der bekannten Route, da wir noch ein wenig Zeit haben, können wir einige Augenblicke an einem einsamen Weiher sitzen, das Erlebte resümieren, und dabei gepflegt eine lauwarme Cola trinken – lecker!

    Nur 2 1/2 Stunden nach unserer Ankunft befinden wir uns dann im wieder im Zug. Diesmal ist er deutlich voller, es kommt beinahe zu tumultartigen Szenen, benötigen doch einige Mitreisende für sich und ihr Gepäck bis zu vier Sitze- was zu freundlichen, generationsübergreifenden  Diskussionen führt.

    Sonst verläuft die Fahrt reibungslos, in Lübeck erreichen wir den  Zug aus Travemünde und sind gegen sieben zurück in Hamburg. In zwei Wochen gehts weiter, dann werden wir zum ersten Mal einen ansatzweise amtlichen Berg besteigen, das Saarland ruft!


    Größere Kartenansicht